6 - Randkulturen - die vier Typen

Auf meiner website  girtlers erkundungen ist einiges über Randkulturen zu erfahren.  Die folgenden Ausführungen dienen der Ergänzung und der Zusammenfassung.

Die vier Typen der Randkulturen 

 

Gedanken vorweg:   Die Buntheit menschlicher Gesellschaften

 

Menschlichen Gesellschaften sind bunt, sie bestehen aus einer Vielzahl von Kulturen und speziell von Randkulturen. Überall dort, wo Menschen sich aus welchen Gründen immer zusammentun, entsteht so etwas wie eine eigene Kultur,  dies kann die Kultur von Ärzten sein, die sich gegenseitig stützen, oder die von Kindern, die sich über ihre die Lehrer ärgern, oder die ins Abseits gedrängte Menschen, die gemeinsam zu überleben suchen.

Bei all diesen  Gruppen habe ich es auch mit Grenzen zu tun. Grenzen sind notwendig, denn Grenzen bieten auch Schutz gegenüber Außenstehenden bzw. Fremden an. Grenzen sind jedoch fatal, wenn andere Menschen durch sie gedemütigt werden sollen. 

Grundsätzlich allerdings sind Grenzen dann wichtig, wenn Menschen sich zurückziehen oder eine Distanz zu anderen aufbauen wollen, um vor allem psychisch überleben zu können.

So erzählte mir jemand von einem jungen Gutsverwalter auf einem Gutshof eines preussischen Grafen. Die Geschichte spielt in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg. Obwohl Deutschland bereits eine Republik war, herrschten auf diesem Hof noch die alten Sitten, nach denen die Angestellten die Gutsbesitzer noch mit ihrem Adelstitel unterwürfig ansprachen und auch sonst sich sehr ergeben zeigten. Dies gefiel dem Herrn aus dem Westen , der ein überzeugter Republikaner war, nicht. Schweigend und abschätzig betrachtete er die Ergebenheitsgesten der Dienstleute. Der Gräfin fiel seine innere Distanz zu ihnen auf. Bei Gelegenheit fragte sie ihn, warum er sich gegen sie und ihre Formen derart sperre. Der Mann antwortete bloß: „Ich bin fremd hier und bitte, es bleiben zu dürfen“. Er durfte es. Der Mann wollte seine Grenze und man beließ sie ihm auch. Ähnlich verhält es sich bei Sandlerm, den Vagabunden der Großstadt, die gegenüber dem „guten Bürger“ ihre Grenze wollen. 

Grenzen können also spannend sein und sie schaffen Kultur. Das Niederreissen von Grenzen um so etwas wie eine einheitliche Kultur zu schaffen , war stets äußerst problematisch, so in der Französischen Revolution genauso wie im kommunistischen Russland und im Nationalsozialismus.

Liberale  Gesellschaften zeichen sich dadurch aus, dass sie Grenzen und damit auch Rankulturen zulassen.

 

Mit Randkulturen will ich mich nun näher beschäftigen.

Menschen in Randgruppen bzw. Randkulturen sind zu einem Handeln miteinander verbunden , das gemeiniglich vom "braven Bürger" als kriminell, lasterhaft ,liederlich schlechthin als "unanständig" oder „fremdartig“ empfunden und bezeichnet wird.

Ein solches „andere“ Handeln reicht von den gegen die formalen Gesetze verstossenden Aktivitäten krimineller Randgruppen, wie der von Schmugglern und Wilderern, bis hinzu den Lebensformen von Stadtstreichern und  Angehörige bestimmter Religionen. 

 

Die Typologie von Randkulturen

  

Aufbauend auf der Literatur und meinen eigenen Forschungen habe ich vier Typen von Randkulturen entwickelt, die freilich nur "ideale" Typen sind, denn tatsächlich überschneiden sich einige,

 

1.Randkulturen des Schutzes und des Überlebens

                                             

Randkulturen dieses Typus bieten den Menschen Schutz und Rückzug an, wie z.B. die Randgruppen der Vagabunden, der Gefangenen, aber auch jener, die sich ins gesellschaftliche Abseits gedrängt sehen, wie zum Beispiel die der  Drogensüchtigen.

 

2.Randkulturen der Revolution und Rebellion

                                          

Darunter verstehe ich Randkulturen, deren Mitglieder sich gegen bestehende Systeme auflehnen, entweder weil sie diese zu ändern versuchen oder sich auf altes Recht berufen. Zu ersteren gehören jugendliche politische Gruppen, die mit Gewalt gegen Herrschaftsinstrumente vorgehen, und zu letzteren die Bauernburschen in den

Alpen, die als Wilderer es nicht zulassen wollen, dass man ihnen das alte Recht der Jagd verwehrt. Als Rebell ist er kein Ideologe, wie der Revolutionär, sondern beruft sich eben auf "altes Recht". Auch Jugendgruppen gehören hierher, die durch Manöver der Gewalt, durch laute Späße u.ä. auf sich aufmerksam machen wollen, wie eben auch Gruppen von  Fußballfans.

 

 

3.Randkulturen des illegalen oder verpönten Geschäftes        

 

Diese Randkulturen sind in gewisser Weise identisch mit den "Kulturen der Ganoven", die auf einer alten Geschichte aufbauen, die bis in das Mittelalter zurückgeht.

Charakteristisch für diese Randkulturen ist, dass deren Mitglieder Tätigkeiten nachgehen, die von Gesetzes wegen entweder verboten sind, wie zum Beispiel der Schmuggel, oder die gesellschaftlich als unanständig oder verpönt diskriminiert werden, wie eben die

Prostitution.

 

4.Randkulturen der gemeinsamen Herkunft

 

Hierbei handelt es sich um Randkulturen, deren Mitglieder durch Zugehörigkeit zu einer Sprach  oder Kulturgemeinschaft, wie einer religiösen Gruppe oder einer Grofamilie, miteinander verbunden und aneinander gebunden sind. Dazu gehren Gruppen von Romas , Juden, Griechen, Italienern, Armeniern und ähnliche ethnische

Gruppierungen. Als Vertriebene, Flüchtlinge oder Emigranten suchen sie zueinander Kontakte ,um mit Geschick in Würde zu  überleben, wie zum Beispiel die "Landler" in Rumnien, die unter Maria Theresia wegen ihres protestantischen Glaubens aus

Österreich nach Siebenbürgen verbannt wurden.

Solche Gruppen entwickeln bisweilen ausgeklügelte Strategien, um in einer ihnen feindlichen Welt wirkungsvoll zu überleben, einer Welt, die sie eben als "unanstndig"   oder ähnlich interpretieren, weil sie eine deutlich andere Kultur weitertragen, die eine Grenze zu den Menschen in Rumänien darstellt.

 

Beispielhaft werde ich im folgenden auf je eine Randkultur  des Schutzes und des Überlebens, eine Randkultur des illegalen oder verpönten Gechäftes und eine Randkultur der gemeinsamen Herkunft beziehen. Sie alle haben mit Grenzen zu tun.

 

 Literatur u.a. dazu von mir (in aller Bescheidenheit):

 1996 : Randkulturen –  Theorie der Unanständigkeit“, Wien , Böhlau,

1980 : Vagabunden in der Großstadt – teilnehmende Beobachtung in der Lebenswelt der Sandler Wien, Stuttgart

1996 : Randkulturen –  Theorie der Unanständigkeit, Wien , Böhlau,1996, 2000

1998 :  Wilderer   Rebellen in den Bergen,2.Aufl. Wien.                                      

2001 :  Okrajove Socialni Kultury, Brno (Übersetzung des Buches „) Herausgegeben von Dr.  Martina Urbanova von der Juristischen Fakultät der Masaryk-Universität in Brno.  Die Übersetzung besorgte Mag. Martin Smejkal

2004 :  Der Strich – Soziologie eines Milieus (erweiterte Neuauflage), Wien – Münster

1980 : Polizei Alltag:Strategien,Ziele und Strukturen  polizeilichen Handelns,Opladen (Westdeutscher Verlag).

1983 : Der Adler und die drei Punkte   die gescheiterte kriminelle Karriere des Ganoven Pepi Taschner (Ein Bild  aus der Wiener Szene der Kriminalität des verbotenen        Glücksspiels und der Prostitution)

1984 : Die Prostituierte und ihre Kunden, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie,Heft 2.

1992 : Die Kämpfe der Fußballfans   Zur Kulturanthropologie von Raufbolden (Hooligans), in: Beiträge zur Historischen Sozialkunde, Nr.3. S 91ff.

2004 :  Der Strich – Soziologie eines Milieus (erweiterte Neuauflage), Wien – Münster

1992 : Ehre in kriminellen Randgruppen und im Gefängnis L'onore nei gruppi marginali criminali e nel carcere, in: Sociologia dell'onore, Annali di Sociologica,7 1991   II, Trento, S 267ff.

2004 : Hacker – Diebe und Spione, in : Kriminalpolizei, Fachzeitschrift der Vereinigung         österreichischer Kriminalisten,  Nr 2-3, Wien.

2016 : Allerhand Leute - Rinderzüchterin, Prinz, Bordellbesitzer, Philharmoniker, Landarzt, Wirtshausmusiker, Fährmann. Wien – Böhlau

2015, Die Landler in Rumänien. Lit-Verlag . Münster u- Wien

2018, Rotwelsch – die alte Sprache der Diebe, Dirnen und Vagabunden, 2. Aufl. Böhlau)