6 - Die vier Typen der Randkulturen

Gedanken vorweg: Die Buntheit menschlicher Gesellschaften

Menschlichen Gesellschaften sind bunt, sie bestehen aus einer Vielzahl von Kulturen und speziell von Randkulturen. Überall dort, wo Menschen sich aus welchen Gründen immer zusammentun, entsteht so etwas wie eine eigene Kultur,  dies kann die Kultur von Ärzten sein, die sich gegenseitig stützen, oder die von Kindern, die sich über ihre die Lehrer ärgern, oder die ins Abseits gedrängte Menschen, die gemeinsam zu überleben suchen.

Bei all diesen  Gruppen habe ich es auch mit Grenzen zu tun. Grenzen sind notwendig, denn Grenzen bieten auch Schutz gegenüber Außenstehenden bzw. Fremden an. Grenzen sind jedoch fatal, wenn andere Menschen durch sie gedemütigt werden sollen. 

Grundsätzlich allerdings sind Grenzen dann wichtig, wenn Menschen sich zurückziehen oder eine Distanz zu anderen aufbauen wollen, um vor allem psychisch überleben zu können.

So erzählte mir jemand von einem jungen Gutsverwalter auf einem Gutshof eines preussischen Grafen. Die Geschichte spielt in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg. Obwohl Deutschland bereits eine Republik war, herrschten auf diesem Hof noch die alten Sitten, nach denen die Angestellten die Gutsbesitzer noch mit ihrem Adelstitel unterwürfig ansprachen und auch sonst sich sehr ergeben zeigten. Dies gefiel dem Herrn aus dem Westen, der ein überzeugter Republikaner war, nicht. Schweigend und abschätzig betrachtete er die Ergebenheitsgesten der Dienstleute. Der Gräfin fiel seine innere Distanz zu ihnen auf. Bei Gelegenheit fragte sie ihn, warum er sich gegen sie und ihre Formen derart sperre. Der Mann antwortete bloß: „Ich bin fremd hier und bitte, es bleiben zu dürfen“. Er durfte es. Der Mann wollte seine Grenze und man beließ sie ihm auch. Ähnlich verhält es sich bei Sandlerm, den Vagabunden der Großstadt, die gegenüber dem „guten Bürger“ ihre Grenze wollen. 

Grenzen können also spannend sein und sie schaffen Kultur. Das Niederreißen von Grenzen um so etwas wie eine einheitliche Kultur zu schaffen , war stets äußerst problematisch, so in der Französischen Revolution genauso wie im kommunistischen Russland und im Nationalsozialismus.

Liberale  Gesellschaften zeichnen sich dadurch aus, dass sie Grenzen und damit auch Randkulturen zulassen.

 

Mit Randkulturen will ich mich nun näher beschäftigen.

Menschen in Randgruppen bzw. Randkulturen sind zu einem Handeln miteinander verbunden, das gemeiniglich vom "braven Bürger" als kriminell, lasterhaft ,liederlich schlechthin als "unanständig" oder „fremdartig“ empfunden und bezeichnet wird.

Ein solches „andere“ Handeln reicht von den gegen die formalen Gesetze verstoßenden Aktivitäten krimineller Randgruppen, wie der von Schmugglern und Wilderern, bis hin zu den Lebensformen von Stadtstreicherin und  Angehörige bestimmter Religionen.  

 

Die Typologie von Randkulturen

Gedanken vorweg: Die Buntheit menschlicher Gesellschaften 

Menschlichen Gesellschaften sind bunt, sie bestehen aus einer Vielzahl von Kulturen und speziell von Randkulturen. Überall dort, wo Menschen sich aus welchen Gründen immer zusammentun, entsteht so etwas wie eine eigene Kultur,  dies kann die Kultur von Ärzten sein, die sich gegenseitig stützen, oder die von Kindern, die sich über ihre die Lehrer ärgern, oder die ins Abseits gedrängte Menschen, die gemeinsam zu überleben suchen.

Bei all diesen  Gruppen habe ich es auch mit Grenzen zu tun. Grenzen sind notwendig, denn Grenzen bieten auch Schutz gegenüber Außenstehenden bzw. Fremden an. Grenzen sind jedoch fatal, wenn andere Menschen durch sie gedemütigt werden sollen. 

Grundsätzlich allerdings sind Grenzen dann wichtig, wenn Menschen sich zurückziehen oder eine Distanz zu anderen aufbauen wollen, um vor allem psychisch überleben zu können.

So erzählte mir jemand von einem jungen Gutsverwalter auf einem Gutshof eines preussischen Grafen. Die Geschichte spielt in den Jahren nach dem 1. Weltkrieg. Obwohl Deutschland bereits eine Republik war, herrschten auf diesem Hof noch die alten Sitten, nach denen die Angestellten die Gutsbesitzer noch mit ihrem Adelstitel unterwürfig ansprachen und auch sonst sich sehr ergeben zeigten. Dies gefiel dem Herrn aus dem Westen , der ein überzeugter Republikaner war, nicht. Schweigend und abschätzig betrachtete er die Ergebenheitsgesten der Dienstleute. Der Gräfin fiel seine innere Distanz zu ihnen auf. Bei Gelegenheit fragte sie ihn, warum er sich gegen sie und ihre Formen derart sperre. Der Mann antwortete bloß: „Ich bin fremd hier und bitte, es bleiben zu dürfen“. Er durfte es. Der Mann wollte seine Grenze und man beließ sie ihm auch. Ähnlich verhält es sich bei Sandlern, den Vagabunden der Großstadt, die gegenüber dem „guten Bürger“ ihre Grenze wollen. 

Grenzen können also spannend sein und sie schaffen Kultur. Das Niederreißen von Grenzen um so etwas wie eine einheitliche Kultur zu schaffen , war stets äußerst problematisch, so in der Französischen Revolution genauso wie im kommunistischen Russland und im Nationalsozialismus.

Liberale  Gesellschaften zeichnen sich dadurch aus, dass sie Grenzen und damit auch Randkulturen zulassen.

 

Mit Randkulturen will ich mich nun näher beschäftigen.

Menschen in Randgruppen bzw. Randkulturen sind zu einem Handeln miteinander verbunden, das gemeiniglich vom "braven Bürger" als kriminell, lasterhaft, liederlich schlechthin als "unanständig" oder „fremdartig“ empfunden und bezeichnet wird.

Ein solches „anderes“ Handeln reicht von den gegen die formalen Gesetze verstoßenden Aktivitäten krimineller Randgruppen, wie der von Schmugglern und Wilderern, bis hin zu den Lebensformen von Stadtstreicherin und  Angehörigen fremder Religionen usw.  

Ich finde den Begriff "Randkultur" geeigneter als den der "Subkultur", da in diesem von einer sozialen Unter- bzw. Überordnung von Menschen ausgegangen wird. Der Begriff "Randkultur" bzw. "Randgruppe"  bezieht sich dagegen auf die Gleichrangigkeit der Menschen, die allerdings an den "sozialen Rand" gedrängt sind oder sich selbst in diesen hinein manövriert haben - aus welchen Gründen immer.   

 

Die Typologie von Randkulturen

Die folgenden Kapiteln überschneiden sich z. T.  mit anderen Kapiteln dieser Webseite.  Sie bauen u.a. auf diesen meiner Bücher auf:

1980: Vagabunden in der Großstadt – teilnehmende Beobachtung in der Lebenswelt der Sandler Wien, Stuttgart

1998:  Wilderer -  Rebellen in den Bergen, 2.Aufl. Wien.                                                             

2000:  Randkulturen: Theorie der Unanständigkeit, Wien

2001: Okrajove Socialni Kultury, Brno (Übersetzung des Buches „Randkulturen –  Theorie der Unanständigkeit“, Wien, Böhlau,1996) Herausgegeben von Dr.  Martina Urbanova von der Juristischen Fakultät der Masaryk-Universität in Brno.  Die Übersetzung besorgte Mag. Martin Smejkal

2004: Der Strich – Soziologie eines Milieus (erweiterte Neuauflage), Wien – Münster

1980: PolizeiAlltag: Strategien, Ziele und Strukturen polizeilichen Handelns, Opladen (Westdeutscher Verlag).

1983: Der Adler und die drei Punkte - die gescheiterte kriminelle Karriere des Ganoven Pepi Taschner (Ein Bild  aus der Wiener Szene der Kriminalität des verbotenen Glücksspiels und der Prostitution)

1984: Die Prostituierte und ihre Kunden, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Heft 2.

1986: Subkultur der Kriminalität und Gefängnis, in: Gewalt im Gefängnis, Schriftenreihe des Bundesministeriums für Justiz, Bd 30.

1986: Alibikrügerl und Pomatschka - Alkoholkultur und Alkoholbeschaffung bei Sandlern und Gefängnisinsassen, in: Hessische Blätter für Volks  und Kulturforschung,  N.F.20.

1992: Die Kämpfe der Fußballfans - Zur Kulturanthropologie von Raufbolden (Hooligans), in: Beiträge zur Historischen Sozialkunde, Nr.3. S 91ff.

2004: Der Strich – Soziologie eines Milieus (erweiterte Neuauflage), Wien – Münster

1992: Ehre in kriminellen Randgruppen und im Gefängnis L'onore nei gruppi marginali criminali e nel carcere, in: Sociologia dell'onore, Annali di Sociologia, 7 1991 II, Trento, S 267ff.

2004: Hacker – Diebe und Spione, in: Kriminalpolizei, Fachzeitschrift der Vereinigung österreichischer Kriminalisten,  Nr 2-3, Wien.

2016: Allerhand Leute - Rinderzüchterin, Prinz, Bordellbesitzer, Philharmoniker, Landarzt, Wirtshausmusiker, Fährmann. Wien – Böhlau

2015 : Die Landler in Rumänien. Lit-Verlag . Münster u- Wien

2018: Rotwelsch – die alte Sprache der Diebe, Dirnen und Vagabunden, 2. Aufl. Böhlau)

 

Aufbauend auf der Literatur und meinen eigenen Forschungen habe ich vier Typen von Randkulturen entwickelt, die freilich nur "ideale" Typen sind, denn tatsächlich überschneiden sich einige,

 

1.Randkulturen des Schutzes und des Überlebens          

Randkulturen dieses Typus bieten den Menschen Schutz und Rückzug an, wie z.B. die Randgruppen der Vagabunden, der Gefangenen, aber auch jener, die sich ins gesellschaftliche Abseits gedrängt sehen, wie zum Beispiel die der  Drogensüchtigen.

 

2.Randkulturen der Revolution und Rebellion                                        

Darunter verstehe ich Randkulturen, deren Mitglieder sich gegen bestehende Systeme auflehnen, entweder weil sie diese zu ändern versuchen oder sich auf altes Recht berufen. Zu ersteren gehören jugendliche politische Gruppen, die mit Gewalt gegen Herrschaftsinstrumente vorgehen, und zu letzteren die Bauernburschen in den Alpen, die als Wilderer es nicht zulassen wollen, dass man ihnen das alte Recht der Jagd verwehrt. Als Rebell ist er kein Ideologe, wie der Revolutionär, sondern beruft sich eben auf "altes Recht". Auch Jugendgruppen gehören hierher, die durch Manöver der Gewalt, durch laute Späße u.ä. auf sich aufmerksam machen wollen, wie eben auch Gruppen von  Fußballfans.

 

3.Randkulturen des illegalen oder verpönten Geschäftes 

Diese Randkulturen sind in gewisser Weise identisch mit den "Kulturen der Ganoven", die auf einer alten Geschichte aufbauen, die bis in das Mittelalter zurückgeht.

Charakteristisch für diese Randkulturen ist, dass deren Mitglieder Tätigkeiten nachgehen, die von Gesetzes wegen entweder verboten sind, wie zum Beispiel der Schmuggel, oder die gesellschaftlich als unanständig oder verpönt diskriminiert werden, wie eben die Prostitution.

 

4.Randkulturen der gemeinsamen Herkunft 

Hierbei handelt es sich um Randkulturen, deren Mitglieder durch Zugehörigkeit zu einer Sprach  oder Kulturgemeinschaft, wie einer religiösen Gruppe oder einer Großfamilie, miteinander verbunden und aneinander gebunden sind. Dazu gehören Gruppen von Romas , Juden, Griechen, Italienern, Armeniern und ähnliche ethnische Gruppierungen. Als Vertriebene, Flüchtlinge oder Migranten suchen sie zueinander Kontakte ,um mit Geschick in Würde zu  überleben, wie zum Beispiel die "Landler" in Rumänien, die unter Maria Theresia wegen ihres protestantischen Glaubens aus Österreich nach Siebenbürgen verbannt wurden.

Solche Gruppen entwickeln bisweilen ausgeklügelte Strategien, um in einer ihnen feindlichen Welt wirkungsvoll zu überleben, einer Welt, die sie eben als "unanständig"   oder ähnlich interpretieren, weil sie eine deutlich andere Kultur weitertragen, die eine Grenze zu den Menschen in Rumänien darstellt.

 

Beispielhaft werde ich im folgenden auf je eine Randkultur  des Schutzes und des Überlebens, eine Randkultur des illegalen oder verpönten Geschäftes und eine Randkultur der gemeinsamen Herkunft beziehen. Sie alle haben mit Grenzen zu tun.

 

I.  Zu den Randkulturen des Schutzes und des Überlebens

Gerade diese Kulturen sind wesentlich mit vielerlei Grenzen verbunden. Grenzen sichern den Vagabunden einen gewissen Schutz oder sie verhelfen zu einem einigermaßen angenehmen Leben wie eben im Gefängnis.

 

Die Sandler: das Überleben auf der Straße

(Diese Ausführungen ergänzen das Kapitel in meinem Buch „Randkulturen“  über Sandler und Vagabunden) 

Meine Forschungen unter den Sandlern, obdachlosen Nichtseßhaften, Wiens führte ich in Ende der 1970er Jahre durch.  Wie ich an anderer Stelle erwähnt habe, finde ich das Wort Sandler nicht abwertend, schließlich ist mit ihm eine alte Geschichte verbunden. Das Wort Sandler dürfte vom mittelhochdeutschen „sandlere“ stammen, was soviel heißt wie “müßig gehen“, es könnte aber auch vom Wort „Sand“ sich ableiten – der Sandler war demnach der, der bei der Ziegelherstellung den Sand reichte o.ä.

Ich traf mich mit diesen Leuten, wie ich schon auf anderer Stelle ausgeführt habe,  in den Bahnhöfen ,in Parks und auf öffentlichen Plätzen Wiens, Überall dort,wo sie herumlungern, große Reden führen und Bier oder Schnaps trinken. Mein Interesse am Leben dieser Leute stammt aus meiner Studentenzeit, als ich mir auf dem Wiener Naschmarkt mein Geld verdient habe. Als Fahrer eines kleinen Lastautos war ich angestellt worden, um damit Gemüse und Obst,  das ich am Naschmarkt aufzuladen hatte, zu einzelnen Greisslern in Wiens Außenbezirke zu bringen. Beim Aufladen der Waren kam ich mit Sandlern in Berührung, die für ein paar Schillinge Handlangerdienste verrichteten, um sich dann ein Bier kaufen zu können. Irgendwie erregten diese Leute meine Neugierde, denn sie erzählten mir, sie würden auf Parkbänken, in Eisenbahnwaggons oder in Abbruchhäusern schlafen.

Jahre später, mein Studium hatte ich abgeschlossen und war am Institut für Soziologie angestellt worden,  ging ich , einem früheren Wunsche folgend, daran, diese Randkultur der Stadtstreicher zu erforschen. Ich sah dies als notwendig an, da bis dahin weder Sozialarbeiter noch brave Soziologen sich Über die Kultur dieser Menschen Gedanken gemacht hatten. Manche Soziologen sahen in ihnen bloß Symbole einer üblen kapitalistischen Gesellschaft, in der sie als Gegenstand der Ausbeutung sich ständig betrinkend vegetieren.

Diesen Überlegungen entsprechend bräuchte man nur die Gesellschaft zu verändern und es würde keine Stadtstreicher mehr geben. Dies glaubte man, so scheint es, auch in den früheren Ländern des kommunistischen Ostens. Um diesen Anschein zu wahren sperrte man die Vagabunden einfach in die Gefängnisse. Daher waren auch nirgends im Osten gestrandete und obdachlose Menschen zu sehen. 

Und man konnte stolz von sich behaupten, dass eine solche "ideale" Gesellschaft keine obdachlosen Vagabunden kenne. Aber  es gab  sie dennoch, nur nicht sichtbar. Und es gibt sie weiterhin, die Kultur der Degradierten und Ausgestoßenen.

Dass diese Menschen tatsächlich Angehörige einer alten Kultur sind, wurde mir so richtig bewusst, als ich einen Stadtstreicher, also einen Wiener Sandler, einmal fragte, was er am Nachmittag zu tun gedenke. Er antwortete mir, er wolle jemandem die "Rippe eindrücken". Ich erschrak und fragte, was dies bedeute. Nun erklärte er mir, er habe die Absicht, freundliche Menschen zu bitten, ihm etwas Geld für ein Bier zu geben. Die "Rippe eindrücken" heisse also soviel wie "betteln", schloss ich, ich konnte aber keine Beziehung zwischen "Rippe" und "betteln" herstellen. Ich stand vor einem Rätsel. Dieses löste sich, als ich im "Liber Vagatorum", dem um 1500 erschienenen ,wahrscheinlich von einem Kriminalbeamten herausgegebenen Buch nachforschte. In diesem "Liber Vagatorum" ist neben den diversen Gauner  und Bettlertricks auch ein Vokabular der Gaunersprache zu finden. Und in diesem las ich, daß das Wort "ripar"  soviel wie "Seckel", also "Geldtasche", bedeute . Ich bin mir sicher, dass in dieser Randkultur der Sandler in dem Satz, jemandem "die Rippe eindrücken", das Wort "ripar" weitergetragen wird. Für mich ist dies ein Hinweis auf eine alte Kultur des Vagabundentums.

Bei meinen Studien lernte ich einen freundlichen Sandler kennen, der immerhin fast 15 Jahre Gefängnis hinter sich hatte. Er trank gerne und erzählte lustige Geschichten, mit denen er andere unterhielt und sie ,wenn sie keine Sandler waren, dazu animierte ihm ein Bier zu zahlen.. Ich teilte ihm ehrlich meine Absichten mit. Er war davon angetan und zeigte sich bereit, mich bei meinem Unternehmen zu unterstützen. Und zwar nicht, weil er meine Forschungsidee für prächtig hielt, sondern weil er in mir einen akzeptablen Kerl sah, mit dem er gerne sprach und Bier trank. Wichtig war wohl, dass ich mich nicht als großer Gelehrter aufspielte,der gescheite Sachen von sich gibt und der alles besser weiß, sondern als jemand, der Verständnis für das Leben dieser Menschen zeigt und sie nicht zu bessern gedenkt. Der wohl wichtigste Grundsatz bei Forschungen dieser Art ist, dass man  sich den Menschen mit einiger Demut nähert und ein offenes Herz für ihre Probleme hat. Keineswegs ist es richtig, die Rolle des Sozialarbeiters oder Missionars zu spielen (siehe dazu mein Buch „Methoden der Feldforschung“ und die angefügten „ 10 Gebote der Feldforschung“).

Typisch für die Karriere von heutigen Vagabunden   oder Sandlern ist, dass sie nicht selten Gefängnisaufenthalte hinter sich haben oder sonstwie z.B. nach Schicksalsschlägen zu Aussenseitern und schließlich zu Alkoholikern wurden.

Sie   tragen   das   Stigma   des   Ausgestoßenen   und suchen in der  Anonymität der Großstadt Schutz vor sozialer Kontrolle .Hier finden sie  Kontakte zu Menschen mit einem ähnlichen Schicksal. Der Sandler sucht den  Rückzug in eine Gruppe von Menschen, von denen er weiss, dass sie ihn einigermaßen akzeptieren. Die Großstadt bietet ihm jene soziale Freiheit, die das Dorf nicht bieten kann.  Der Sandler braucht also Grenzen.

Grundsätzlich ist die Karriere des Sandlers bestimmt durch einen Prozess doppelten Versagens. Er ist ein Gescheiterter in der "normalen" Welt, aber oft auch ein Gescheiterter in der Kriminalität (siehe dazu näher in Girtler 1996).

Um unter Sandlern und kleinen Ganoven  auch forschen zu können, bedarf es einer tiefgehenden Kenntnis der Gaunersprache, des Rotwelsch (siehe Girtler 1999).                              

Die heutigen Stadtstreicher , die Sandler Wiens, tragen  nicht nur eine alte Sprache mit sich, sondern auch uralte Tricks und Strategien, um bettelnd einigermassen in Ehren zu überleben. Dazu bedarf einer deutlichen Abgrenzung gegenüber der Kultur der sesshaften und arbeitsamen Leute, über die man sich belustigt. Hier deutet sich die ehrenvolle Distanz zur körperlichen Arbeit an, die heute noch von Sandlern herausgestrichen wird, um sich selbst so etwas wie Würde zu geben.

Die Nachfahren der alten  Vaganten, die Sandler und Stadtstreicher, tragen heute  mit ihren Bierflaschen und Hunden zur Buntheit der Fußgängerzonen bei und  wissen auch, was  Ehre ist.

Auf besonders deutliche Weise demonstrierte dies ein bettelnder Stadtstreicher, den ich kennengelernt habe: er hatte neben sich eine Tafel ,auf der neben dem bescheidenen Hinweis,dass er um eine milde Gabe bitte, die stolze Bezeichnung "Baron der Landstrasse" zu lesen war.

Um  mit dem Stigma des arbeitsscheuen und daher nicht vollwertigen Menschen, mit dem der Sandler belastet ist, fertig zu werden, wird das negative Stigma umgedreht und positiv interpretiert.

Dies geschieht dadurch, dass man gegenüber Aussenstehenden sich zum Beispiel als jemand präsentiert, der mit einiger Würde  Arbeit ablehnt.

Man macht sich lustig über die Arbeit, man ironisiert sie. Wer diese Ironisierung der Arbeit beherrscht, kann mit einiger Hochachtung auch durch seine Kollegen rechnen, er hat Ehre. So meinte ein Sandler zu mir, als ich ihn fragte, wo er arbeiten würde: "Bei der Firma Lahntana!" Und als ich fragte, was dies heißen würde, ergänzte er: "Hier lehnt einer und dort lehnt einer". Das Stigma des Arbeitsscheuen  wird hier zu einer Sache der Ehre

 

Die Kultur des Gefängnisses: Demütigungen, Hierarchien und Ehre

Das Gefängnis ist, wie der Soziologe Goffman festhält,  eine "totale Institution" , in dem Sinn, dass der hier lebende Mensch einer gänzlichen Kontrolle unterliegt und er in seiner Bewegungsfreiheit grundsätzlich eingeschränkt ist. Dieses System zwingt seinen Insassen eine von den bisherigen Gewohnheiten vollkommen abweichende Lebensweise auf. Für den Gefängnisinsassen existiert ein nur beschränkter Kontakt zur Außenwelt. Es spricht viel dafür, sich über solche Anstalten Gedanken zu machen, denn sie sind Treibhäuser. in denen unsere Gesellschaft versucht, den Charakter von Menschen zu ändern.

Das Gefängnis ist wesentlich dadurch bestimmt, daß der Mensch als Gefangener zwangsweise aus der bisherigen sozialen Umwelt ausgegliedert und er in ein geschlossenes soziales System  eingegliedert wird..

Obwohl die Häftlinge  vollkommen kontrolliert erscheinen,  hat sich auch im Gefängnis so etwas wie eine Kultur entwickelt, nämlich Strategien des Überlebens. Die im Gefängnis existierende Randkultur habe ich einmal als eine Kultur des Schutzes und des Überlebens bezeichnet.

Bei meinen Studien über Randkulturen kam ich  häufig mit Leuten zusammen, die einige Jahre ihres Lebens im Gefängnis verbracht haben. Und über einen Wiener Ganoven schrieb ich ein ganzes Buch, dessen wesentliche Teile sich auf das Leben in Gefängnissen bezieht  und in dem die Hierarchie der Gefangen dargestellt wird.

Der Ganove, mit dem ich eine Zeit in engem Kontakt war, kam aus der Kultur der Kriminalität, das heißt, er gehörte zu jenen Männern, die beim verbotenen Glücksspiel tätig waren und die vor Gewalttaten gegenüber Konkurrenten innerhalb der Szene nicht zurückschreckten.  Jene Personen jedoch , die nicht in der Kriminalität zuhause waren, konnten damit rechnen, nicht von diesen Leuten provoziert zu werden.

Ganoven dieser Art besitzen mehr oder weniger strenge Verhaltensregeln, durch die sie sich von den weniger ehrenvollen Verbrechern unterschieden. Sie besitzen einen spezifischen Ehrenkodex, der gerade im Gefängnis deutlich wird.

Mir erzählte der Ganove -  Pepi Taschner hieß er , er ist leider durch einen Unfall ums Leben gekommen,-   zum Beispiel, daß er einmal mit einem Kinderschänder die Zelle teilen mußte. Um diesem zu zeigen, dass er  ihn verachte, befahl er ihm zur Strafe für seine Untaten nicht im Bett sondern unter diesem zu liegen

Diese und ähnliche Geschichten interessierten mich und ich beschloß,mich näher mit dem Thema Gefängnis zu beschäftigen. Viel über den Alltag in diesen geschlossenen Anstalten erfuhr ich durch Briefe, die mir ein nicht unintelligenter Mörder, ein weiser Räuber , ein Betrüger und ein alter in Ehren ergrauter Gewohnheitseinbrecher schrieben. Aus diesen Briefen ersah ich, daß es so etwas gibt wie eine Kultur der Häftlinge,die ebenso ihre Tradition hat und die dem einzelnen, wenn er akzeptiert wird, die Möglichkeiten des Schutzes anbietet.

    

Die Welt des Gefängnisses ist voll von Ritualen der  Degradierung . Der in das Gefängnis neu hinzugekommene Häftling muß daher eine Reihe von Degradierungsritualen über sich ergehen lassen. Durch diese wird ihm klargemacht ,daß er nun ein anderer ist, neue Pflichten hat, nicht widersprechen darf und sich gänzlich einzuordnen hat. Zu diesen Ritualen gehören der Kleiderwechsel und das sogenannte  "Zugangsbad", eine Art Taufe, durch die dem Gefangenen symbolisch seinen neuer Status demonstriert wird.

Um mit der psychischen Belastung des Gefängnisses fertig zu werden, gibt es mehrere Möglichkeiten: 

  1. man zieht sich vollkommen in sich zurück, man verfällt in Stumpfsinn, 

  2. der Insasse weigert sich,mit dem Personal zusammenzuarbeiten, 

  3. er verhält sich diszipliniert,um vom Personal akzeptiert zu werden ,  oder 

  4. dies ist für uns interessant, er findet sich mit den Gegebenheiten ab und baut sich eine Existenz auf,mit der er halbwegs zufrieden ist.

Die Autonomie des Menschen wird gänzlich verletzt und eine Möglichkeit des persönlichen Rückzugs gibt es nicht. Jeder ist jedes aufgezwungener Genosse. Dostojewski spricht deshalb von der "Tyrannei der Kameradschaft". Die psychische Belastung des Häftlings ist enorm. 

Ein großer Eingriff in die Intimsphäre jedes Gefangenen ist die Benützung des Klosetts, denn er ist dabei von seinen Kollegen, wenn überhaupt ,nur durch einen Vorhang getrennt. Allerdings hat sich hierin angeblich bereits einiges geändert. In den Zellen ist also stets ein übler Geruch, da ständig, vor allem in größeren Gemeinschaftszellen, irgend jemand auf dem Klosett sitzt. Für den neu hinzukommenden Gefangenen bedeutet es eine Zeit,bis er sich an diese Form der Verrichtung der Notdurft gewöhnt hat.Dabei muss er sich einige Erniedrigungen von lästigen Kumpanen gefallen lassen, wie, wenn er zu lange sitzt: "Scheiss schneller!" oder ähnliche Bemerkungen zurückziehen zu können.

Erst der langjährige und erfahrene Gefängnisinsasse gewöhnt sich an solche Degradierungen oder nimmt sie nicht mehr wahr.

Die Kultur und die Tradition des Gefängnisses kommt also den erfahrenen Ganoven zugute.

Zu dieser Kultur gehört auch das Rotwelsch, die Gaunersprache, die in den Gefängnissen einen fruchtbaren Boden hat und hier weitergetragen wird.

Beispielhaft seien hier auf ein paar Gaunerwörter verwiesen.

Strafanstalt Stein: Am Felsen ,oder Mutterhaus.

Strafanstalt Garsten: bei den Mostschädeln.

Korrektionszelle: Keller, Tiafling (die Zelle befindet sich in der Tiefe, im Keller), Kure, Bunker.

Ausbruchsverdächtiger: Flieger,Schimmler.

Davonlaufen, fliehen: beuli gehen, beulisieren, die Fliege machen, einen Flug machen, in die Blüah (Blühe) gehen, die Kurven kratzen, in den Arsch gehen, ein Loch suchen, abilassen, über die Häuser hauen.

Justizbeamte. Aufseher: der Kas (Käs) (vielleicht von: Kaiserlich Königlicher Arrestschließer), Spengler, greaner Wappler, der Greanspecht, Silberling, Silberklas und Silberblattler (Offizier mit Silber auf dem  Kragenspiegel),Stockchef.

Hausarbeiter(Gefangener): Fazi(von:Kalfakter, lat.calefacere ‑heizen).

Unter einem falschen Namen im Gefängnis einsitzen: er pickt auf einem linkenSchoem.

Auf  kulturelle Traditionen des Gefängnislebens weisen die alten Bücher über Ganoven hin.

Schöne Berichte dazu aus der Zeit der Mitte des vorigen Jahrhunderts bringt Ave Lallemant in seinem Buch "Das deutsche Gaunertum" (1858). So beschreibt Ave Lallemant etwas für Gefangene heute noch ungemein Wichtiges, nämlich den Schmuggel von für den Gefangenen begehrenswerten Gütern in die Anstalt. Er schreibt:"Wer das Treiben in den Gefängnissen beobachtet hat, der  muß gestehen, daß gerade alles,was im Gefängnis sich befindet, und was in dieses hineingerät oder aus ihm herauskommt, dem scharfen, erfinderischen Geist des Gauners zum Kasspern (Schmuggeln) dient, Das Genie des Gauners spottet aller Wachsamkeit, und feiert Triumphe, die einer besseren Sache würdig wären. Die Kassperei ist in der Tat die spezielle Gaunerei im Gefängnis, und ein ganz eigenes Feld und Studium(!) ......".

Mir erzählte ein ehrenwerter Ganove, dass Nachrichten zwischen Gefangenen geschickt von einem Stockwerk ins andere weitergegeben werden. Dies geschieht entweder durch Zurufe, durch Hausarbeiter und durch das sogenannte "Pendeln", bei dem ein auf einen Stein angebrachter Zettel mit der entsprechenden Nachricht von einem Zellenfenster zum anderen "gependelt" wird . Ave Lallemant bezeichnet diese Art der Nachrichtenübermittlung mit dem rotwelschen Wort "Kutsche" und schreibt :"Die Kutsche ist ein Faden,der von einem Fenster zum anderen gelassen ... auch schräg und zur Seite geführt wird. Aus dem Garn der Strümpfe, aus den Fäden der Hemden, Strohsäcke und Decken werden mit grossem Geschick leichte und starke Schnüre zusammengesetzt...Ein Stückchen Brot oder Knäuel am unteren Ende des Fadens führt den Faden senkrecht  in das untere Zellenfenster. Sehr häufig wird der Faden in pendelmässige Schwingung gebracht,dass er das seitlich unten.gelegene Fenster erreicht". Das mit der Nachricht weitergegebene Stück Papier wird in der Gaunersprache für gewöhnlich als  als "Gsiberl" bezeichnet. Ave Lallemant erzählt:"Das Wort Kassiwer bedeutet jede schriftliche Mitteilung der Gefangenen unter sich und Dritten außerhalb des Gefängnisses.....In verschiedenartiger Weise können Briefe von außen in die Gefängnisse gelangen, und zwar durch die Gefängnisbeamten(!) selbst..... Aber auch die strengsten Beamten werden häufig getäuscht... Im Brot, in einer Kartoffel, einem Kloss, unter dem Mark eines Fleischknochens, im Maule eines gebackenen Fisches, in einer Rübe, Birne usw. kann irgendein geöltes Papierröllchen oder Kügelchen eingeschoben werden... Zwischen die Sohlen der Fußbekleidung werden besonders gern Briefe und Fluchtmittel genäht...".  Auf diesem Gebiet hat sich  bis heute in der Welt des Gefängnisses nicht viel geändert. Eine beliebte Möglichkeit, Nachrichten auf Papier oder Papiergeld in das Gefängnis einzuschmuggeln, ergibt sich bei Besuchen von Freundinnen und Ehefrauen. Durch etwas länger dauernde Abschiedsküsse vermag man zum Beispiel klein zusammengerollte Geldscheine mit der Zunge von einem Mund in den anderen zu schieben. Geld ist vielleicht das Wichtigste, das ein Gefangener im Gefängnis benötigt. Hat man genügend Geld, so kann man so ziemlich alles am Schwarzmarkt des Gefängnisses erwerben: Zigaretten, Pornohefte, Schnaps und gutes Essen .Gutes Geld machte mein Freund, der Held meines Buches "Der Adler und die drei Punkte", als Hausarbeiter mit dem Verkauf von Pornoliteratur,die er am Grunde eines Eimers, in dem er Tuch und Besen transportierte, zu den Zellen brachte.

Zu den großen Problemen für den Gefangenen gehört die Frage, wie er auf beste Weise seine Zeit verbringt. Eine Fülle von Zeit fällt über ihn herein, die in bedrückt und mit der er fertig werden muß.

Eine Möglichkeit des Zeitvertreibs  besteht im Anbringen von Tätowierungen am eigenen Körper. Daher können jene Leute viel Geld verdienen, die die Zeichenkunst beherrschen.  Tusche, Tinte oder in Wasser aufgelöste rote Ziegelfarbe wird mit drei aneinander gebundenen Nadeln unter die Haut jener Gefangenen gebracht, die den Wunsch nach Tätowierungen haben. Tätowierungen (die Peckerln) haben eine lange Tradition.

Einfache Tätowierungen sind die berühmten drei Punkte am Winkel zwischen Daumen und Zeigefinger, die andeuten sollen, daß der Träger ein verschwiegener Mann ist,"der nichts sagt, nichts sieht und nichts hört". Bei der Polizei ist er ein sogenannter "Steher", aus dem beim Verhör so gut wie nichts herauszubekommen ist. Während meiner Polizeiuntersuchung war ich einmal Zeuge einer Vernehmung eines mutmaßlichen Diebes. Nach kurzer Zeit, in der von ihm nichts zu  erfahren war , brach der Polizist das Verhör ab und meinte zu mir, der Mann wäre ein "Steher", also jemand, der über seine und anderer Schandtaten schweigt  ,  dies könne er aus den erwähnten drei tätowierten Punkten ablesen.

Ein wichtiger Zeitvertreib bezieht sich auf die Herstellung von Alkohol, dem Zellenschnaps, der Pomatschka genannt wird.Hierin gibt es wahre Spezialisten. Darüber erzählte Pepi Taschner:"Daß Alkohol für uns Häftlinge verboten war, versteht sich. Auch dieses Verbot umgingen wir geschickt, indem wir uns den Pomatschka herstellten. Zu einem solchen benötigt man Obst. Vor allem Orangen,Äpfel und Bananen eignen sich gut dazu. Das Obst wird mit Hefe oder Brot in einem Plastiksack luftdicht abgeschlossen, den wir für einige Monate unter die Matratze legten. Man schlief also auf der künftigen Maische. Gärte das Obst, so konnte man zum Destillieren schreiten. Dafür brauchte man zwei größere Dosen, die wir uns in der Küche besorgten. Die eine Dose wurde mit der anderen durch einen Gummischlauch, den wir auch irgendwo auftrieben, verbunden. In die eine Dose, die wir schließlich erhitzten, kam die Maische und in der anderen bildete sich der Schnaps".

Ein solcher Schnaps verhalf der trinkfreudigen Zellengemeinschaft zu einiger Abwechslung.

Diese Beispiele demonstrieren gut den Erfindungsreichtum von Ganoven, um mit der Belastung des Gefängnisses fertig zu werden. Jedoch sind , wie oben schon erwähnt, jene im Vorteil, die aus der Kultur der Kriminalität kommen, sie können auf alten Traditionen aufbauen und haben die entsprechenden Kontakte im Gefängnis.

Zu den Versuchen von Gefangenen,ihre Identität hervorzukehren und Ansehen   also "Ehre"   zu erringen, gehört die Strategie, zugedachte "Erniedrigungen" "tapfer",also ehrenvoll, hinzunehmen. Es wird der beabsichtigten Entwürdigung derart begegnet, dass das Unausweichliche als honorige Mutprobe interpretiert wird  In der informellen Hierarchie des Gefängnisses geniessen jene Leute höchstes Ansehen, die bei ihren Delikten mit Geld zu tun hatten. Bankeinbrecher, geschickte professionelle Betrüger und andere Ganoven besitzen demnach das meiste Prestige. Gleich nach ihnen kommen die,die als Gewalttäter mit Polizisten oder mit bekannten Männern aus der Welt der Kriminalität zu tun hatten. Am unteren Ende der sozialen Hierarchie im Gefängnis , wie eingangs angedeutet, sind die Sittlichkeitsattentäter, diejenigen, die Frauen und Kinder vergewaltigt oder gar getötet haben, angesiedelt. Von ihnen distanziert sich der "noble" Ganove. 

Die Welt des Gefängnisses ist also voll der Grenzen und Abgrenzungen. Erst jemand, der diese Vielzahl von Grenzen kennt und gelernt hat, mit diesen umzugehen, vermag im Gefängnis einigermaßen mit Würde zu überleben.

 

II.  Zu den Randkulturen der Rebellion 

Wildschütze, Jugendgruppen und Fußballfans

Der Rebell beruft sich auf altes Recht. Er sprengt die Grenze, die ihm gesetzt ist, er aber seinerzeit zieht auch Grenzen gegenüber Leuten, die ihm zu degradieren suchen.

 

Die Wildschützen – alte Rebellen, Bergsteiger und Helden der kleinen Leute

Der klassische Wilderer, den es bis in die sechziger Jahre dieses Jahrhunderts und in Relikten bis heute in Gebirgsgegenden Österreichs und Bayerns gab bzw. gibt , hat eine alte Geschichte. Der Wilderer oder Wildschütz war so etwas wie ein Rebell, der sich gegen die adeligen Herrschaften auflehnte, denn diese hatte den Bauern das  Recht zur Jagd genommen.

Der Wilderer, der dem noblen Jagdherrn die Gams oder den Hirsch wegschoss,   berief sich stolz auf altes Recht, nach dem auch der Bauer das Recht zur Jagd gehabt hatte. Die Bauern taten dies aus gutem Grund, denn nach altem germanischen Recht hatte jeder freie Bauer das Recht zur Jagd. Aber als die Bauern ab 1000 n. immer mehr in Abhängigkeit von Landesherrn und Königen gerieten, wurde dem Bauern es verboten, zu jagen und sogar den Wald zu betreten. Die Jagd wurde zu einer Sache des Aristokraten.

Die Bauernburschen, die zum Ärger der noblen Herren auf verbotene Weise das Wild schossen,  waren bei der Bevölkerung angesehen, vor allem bei den Bauern im Gebirge, die unter dem Wildschaden besonders zu leiden hatten und deren Armut und Hunger nach einem Stück Wild gross war.

Der Wilderer zeigt sich somit als  "sozialer Rebell", wie er typisch in all den bäuerlichen Kulturen ist,  in denen Landes-  bzw. Grundherrn auf dem Rücken einer armen oder verarmten breiten Bevölkerung ein Leben in Verschwendung und Übermut führen konnten.

Besonders in der Gestalt des Wilderers erwuchs im Gebirge eine Heldenfigur, die bis in die letzte Zeit mystifiziert und romantisiert wurde und weiter wird. Er wird als jemand gesehen, der sich das Recht holt, welches die "hohen Herren" dem "kleinen Mann" genommen hatten.

Die Aristokratie sah schon sehr früh in den Wilderern ihre Feinde, die ihnen ihr Jagdvergnügen nehmen wollten. Zur Jagd als einem Symbol vornehmer Lebensart wollte man den Bauern nicht zulassen und bestrafte ihn daher grausam, wenn er als Wilderer erwischt wurde.

So befahl 1665  in Salzburg Kardinal Erzbischof Guidobald Graf von Thun, Wilddiebe gefangen zu nehmen und sie dann nach Venedig zu schicken, um sie dort in den Galeeren anzuschmieden.

Trotz solcher strengen Strafen gelang es den aristokratischen Jagdherrn nicht, die Bauern und andere kleinen Leute vor allem im Gebirge vom Wildern abzubringen.

Die Bauern lehnten sich ohne Erfolg auf, erst nach der Revolution von 1848 kam es zur "Bauernbefreiung", das aristokratische Jagdprivileg wurde abgeschafft. Dies war jedoch nur theoretisch so, denn die kleinen Bauern im Gebirge mussten den alten Grundherren einen bestimmten Geldesbetrag zahlen, den sie nicht zahlen konnten. Die Bauern verschuldeten sich, konnten aber die Schulden nicht zahlen. Es kam zur Versteigerung von Bauerngütern. Reiche Adelige und Industrielle kauften ganze Gebiete auf. Die arme Gebirgsbevölkerung, bestehend aus Kleinbauern, Holzfällern und anderen kleinen Leuten, sah sich nun weiter gerechtfertigt, dem feinen Jagdherrn vor allem die Gams "vor der Nase" weg zu schiessen.

Als soziale Rebellen waren die Wilderer für die Menschen im Gebirge keine Verbrecher, sondern kühne Burschen, die sich das Recht zur Jagd erkämpften.

Eine besondere Anziehung für die Wildschützen hatte die Gams, da sie fernab der Siedlungen in felsigen und schwer zugänglichen Regionen sich aufhält. Der Gamsjäger mußte ein guter Bergsteiger sein   ,um überhaupt in die Nähe der Gams zu gelangen , und man benötigt Kraft, um das erlegte Tier zu Tale zu tragen.

Der Gamsjäger hatte daher stets ein höheres Prestige als der Jäger, der bloß nach Hasen, Rehen und Hirschen pirschte.

Wohl deshalb war auch für Kaiser Maximilian, den die Bauern ebenso haßten wie die anderen feinen Jäger,  die Gams von einem besonderen Interesse. 

Ein in Ehren ergrauter Wilderer meinte zu mir, ihn habe nur die Gams interessiert, denn um einen Gamsbock zu erlegen, brauche man Kraft und "Schneid".

Der Gamswilderer hatte  den Ruf des verwegenen Burschen, der mit einigem Stolz sich über die Verbote des Jagdherrn hinwegsetzt.

Bis lange nach dem Zweiten Weltkrieg galt das Wildern als Beweis für Mut und Liebe zum Abenteuer. Konnte der junge Bursche darauf verweisen, ein guter Wildschütz zu sein ,so konnte er mit der Hochachtung der anderen jungen Burschen rechnen.

Der Wildschütz galt etwas bei den Mädchen. Darauf verweist farbig ein Spruch aus dem Salzkammergut: "Ein Bua,der nicht gewildert hat, darf auch nicht fensterln gehen."

Diese Charakteristik des Wilderers als eines kühnen Mannes, der den Gamsen nachstellt und bei den Mädchen beliebt ist, wird auch in den folgenden, aus dem Jahre 1915 stammenden Sätzen deutlich :"Im Ennstal ist den Bauernburschen eine Art ritterlicher Sinn eigen,

der sich im Wildschützenleben ausprägt; derjenige Bursch, der der kühnste Wilderer ist, gilt in der Bevölkerung als eine Art Heros.

Der Bursch, der mit einer bockledernen Hose zur Kirche geht, gilt in den Augen der Bauernmädchen nichts; eine gamslederne (!) Hose muss er haben. Denn einen Burschen, der sich vor den Jägern fürchtet und sich nicht traut, ein Gamserl (!) zu schiessen, den mag ein Dirndl nicht. Ein solcher Bursch bekommt höchstens ein Mädchen, das die Wilddiebe nicht mögen" .

Die echten Wildschütze hatten auch einen Ehrenkodex, nach diesem war es  zum Beispiel  verpönt, Schlingen zu legen, durch die das Wild elendiglich umkommen, oder einem Kitz die Muttergams wegzuschießen. 

Den unwaidmännischen Wildschütz bezeichnete man auch als „Raubschützen“, überhaupt wenn er sich auf einen Kampf mit dem Jäger einließ.

Der echte Wildschütz,  der der Gams nachstellte, musste ein guter Bergsteiger sein. Es ist bemerkenswert ,dass es in den Gesäusebergen  einen sogenannten  "Peternpfad" gibt , benannt nach einem Gamswilderer ,der unter dem Namen "Schwarzer Peter" bekannt war. Um 1850 soll er das erste mal auf diesem Pfad durch die Gesäusewände gestiegen sein. Die Jäger versuchten zwar regelmäßig, den Schwarzen Peter einzukreisen, doch es gelang ihm jedesmal ,auf diesem Steig zu entkommen. Die Jäger standen vor einem Rätsel. Erst auf seinem Totenbett schilderte der Wilderer dem Forstmeister Rodlauer aus Admont den Verlauf dieses Pfades. Heute ist der Peternpfad ein beliebter Klettersteig.

Die klassischen Wildschützen waren hoch angesehen, sie hatten nichts mit den modernen Autowilderern zu tun, die mit Scheinwerfern das Wild blenden, um es so abzuknallen.

In Liedern werden die ehrbaren Wildschützen besungen.

Die Gams steht  dabei im Mittelpunkt, wie in diesem gern gesungenen Wildschützenlied aus dem Salzkammergut::

 

"An einem Sonntagmorgen            

 recht zeitig in der Fruah,        

 nimmt der Wildschütz sein Stutzerl,

 und geht dem Gamsgebirg zua.

 Er woaß ja die Weg so schön,      

 wo die schen' Gamserl (!) stehn,

 drin im Gebirg.                    

 

 Und a Gamsal (!) hat er g'schossen,

 hoch droben auf der Hoad,     

 jetzt will er's auswoaden,        

 ziagts Messer aus der Schoad.   

 Der Jaga hat eahm lang zuag'schaut,

 Hat si net zuwi traut, bis da er schlaft.

 

 Und der Wildschütz hat g'schlafen,

 dann hat er si traut,          

 er nimmt dem Wildschütz sei Stutzerl,                        

 hat sakrisch zuag'haut.           

 Der Wildschütz springt auf vom Schlaf, 

 stürzt über'n Fels in a G'sträuch.  

    

 Und den Jaga druckt's G'wissen

 und dem Wildschütz sein Bluat,  

 und jetzt mcht er gern wissen,   

 was der Wildschütz drunt tuat:

 Aber Jaga,liabsta Jaga mein,

 bind ma meine Wund'n ein

 und still mir's Bluat.            

 

 Und der Jaga bind eahm d'Wund'n  ein

 und stillt eahms Bluat:          

 Aber jetzt muast mit mir gehn,

 ins Salzkammerguat !           

 Bevor i mit an Jaga geh',        

 lass i mei Leib und Seel           

 fürs Salzkammerguat ! "         

 

Bis in die letzte Zeit beschäftigt die Öffentlichkeit die Tötung des Wildschützen Pius Walder aus Kalkstein in Osttirol. Pius Walder war im Stile alter Wildschützen angeschwärzt im Gesicht unterwegs. Er wurde von einem Jäger am 8.9.1982 meuchlings erschossen. Die Brüder schwuren am Grab Rache, die sie allerdings nicht ausführten.

Am 8.9. 2002 hatte ich die Ehre auf Bitte von Hermann Walder bei einer Gedenkfeier für den ermordeten Wildschütz Pius eine Rede zu halten. In dieser wies ich unter anderem dahin, dass Pius Walder sich an einen Ehrenkodex hielt. Zu diesem gehört, dass man keine Schlingen legt, die das Wild furchtbaren Qualen aussetzt, dass man sich an Schonzeiten hält und das Leben des verfolgenden Jägers achtet. Der echte Wildschütz setzt sich traditionellerweise vom bloßen Raubschütz, der sich an keine Regeln hält, ab. Ehre hat also auch beim Wildschütz mit Grenze zu tun.

Im Wilderer-Museum zu St. Pankraz beim Gasthof Steyrerbrücke wird diese Kultur der Wildschütze in ihrer ganzen Buntheit dargestellt und dabei auch des Pius Walder gedacht.

 

Fußballfans als Stammeskrieger

Der Kampf um den Ball als Ritual des Stammeskrieges

Fußballspiele mit den Fans haben etwas von Stammeskriegen an sich. Dazu passt eine   kleine Geschichte, die mir mein Freund Herr Professor Erich  Kolig von der Universität Auckland in Neuseeland, ein Spezialist auch  für die Kultur der Papuas, erzählt hat: In den dreißiger Jahren wollten die Engländer die Papuas, deren Leben durch Kriegszüge gegeneinander bestimmt war, „befrieden“. Die englischen Herren meinten, man solle den Papuas das Fußballspiel beibringen,  damit sie sie endlich ihre Kriegszüge beenden.

Sie errichteten daher in den Dörfern der Papuas Fußballplätze und lehrten sie, Fußball zu spielen, in der Hoffnung, sie würden nun keine kriegerischen Aktionen gegen die Nachbardörfer setzen. Nun zeigte es sich jedoch, dass zu den Fußballspielen die Eingeborenen in voller Kriegsausrüstung und  Kriegsbemalung erschienen und ihre Mannschaft entsprechend kriegerisch unterstützten. So mischten sie sich  in das Spiel, wenn an einem Spieler ihrer Mannschaft ein „Foul“ begangen wurde oder der Schiedsrichter sich einer vermeintlichen Ungerechtigkeit schuldig machte. Das Fußballspiel war zum Krieg geworden, ähnlich wie auf einigen unserer europäischen Fußballplätze.

Fußball  ist nicht bloß irgendeine Sportart, er erinnert vielmehr an kultische Opferungen  und hat mit Ritualen zu tun, und ist bisweilen   eben durch die Aktionen der Fans  von urgeschichtlicher ,homerischer Wildheit. Fußball ähnelt  dem alten Ballspiel der Azteken, bei dem die verlierende Partei damit rechnen mußte, von den Siegern und ihren Anhängern rituell verprügelt und manchmal sogar getötet zu werden.

Das Ballspiel als kultisches Gemeinschaftserlebnis kannten auch die Indianerstämme im Nordosten Nordamerikas. Bei  diesem  von zwei Parteien (!) durchgeführten Ballspiel wurde der aus Holz oder Leder bestehende Ball, der nicht mit der Hand berührt werden durfte, mit Schlägern durch Tore oder gegen Pfosten befördert.   Es heißt , dass dieses Spiel  mit einer an Rohheit grenzenden Härte geübt wurde

Solche indianischen Ballspiele waren also mehr als Sport: genauso wie beim Fußball vermengten sich Symbole, Rituale und gemeinsame kampfähnliche Handlungen zu archaisch anmutenden Aktivitäten von Stämmen. Spiel und Krieg waren hier also eng miteinander verbunden. 

Der Fußballsport bietet für seine Anhänger eine glänzende Möglichkeit, sich nach dem Vorbild einer (kriegerischen) Mannschaft  zu organisieren und heldenhaft gegen die Gegner vorzugehen. Typisch dafür sind Wörter wie Fußballschlacht, Schlachtenbummler, Stürmer, Verteidiger und Antreten zur Exekution (beim Elfer).

Stammeskriege dieser Art können eine bösartige und grausame Angelegenheit sein, oder auch bloß ein Ritual, bei dem die Kämpfenden nur Drohgebärden zeigen. Grundsätzlich findet sich eine solche Tendenz auch bei Fußballfans.  Vorgetäuschtes kriegerisches Verhalten soll Stärke, Wildheit und Mannesmut demonstrieren.

Allerdings kann eine solche Zurschaustellung leicht gestört werden, zum Beispiel, wie es in einem kulturanthropologischen Film mit dem Titel „Dead Birds“ gezeigt wird, plötzlich regnerisches Wetter einsetzt und die wackeren Kämpfer fürchten, der Regen könne ihre kunstvollen Kriegsfrisuren verderben.

Ein Krieg zwischen Stämmen zeichnet sich genauso wie der Krieg zwischen Fanclubs durch einen verstärkt rituellen Charakter mit spezifischen Symbolen und Zeremonien aus. Dies hat den Sinn,  die eigene Mannschaft zu verherrlichen und die Gegner zu degradieren.

 

Ein Oberösterreicher berichtet über den Sieg Rapids 1941

Siege werden von den Fans für sich in Anspruch genommen. Man identifiziert sich mit dem Team, spricht über dieses als ob man selbst zu diesem gehört. Der aufrechte Fan erzählt daher über den Sieg seiner Mannschaft so: „Wir haben die anderen geschlagen“, oder: „Uns kann man nicht besiegen“ und ähnlich. Das Team wird heroisiert , von seinem heldenhaft Kampf und seinem erkämpften Sieg leitet der Fan sein stolzes Selbstverständnis ab.

Vor Jahren war ich beim Chef eines Fanclubs des Wiener Fußballvereins Rapid eingeladen. Dieser Mann hatte seinen Keller und sein Wohnzimmer voll von Schals, Mützen, Bierdosen, Büchern und Zeitungsartikeln, die sich alle irgendwie auf Rapid bezogen. In der Mitte seines Wohnzimmers konnte man eine Art Altar, auf dem unter Glas die erste Seite des „Wiener Montags“ vom 23. Juni 1941 sehen. Auf dieser sind drei Schlagzeilen zu lesen. Die zweite bezieht sich auf den „ersten Kampftag an der Ostfront“ – der Krieg gegen Russland begann an diesem Tag - und die dritte Meldung besagt, dass auch Italien Russland den Krieg erklärt habe. Die wichtigste Meldung für einen Rapidanhänger ist jedoch die erste dieser Zeitung. Diese ist in rot gehalten und heißt: „Rapid deutscher Fußballmeister“. Rapid hatte am Vortag im Berliner Olympiastadion die berühmte deutsche Mannschaft Schalke 04 mit 4:3 besiegt, nachdem Schalke lange geführt hatte. Bimbo Binder, der Starspieler von Rapid, hatte dabei einige glänzende Tore geschossen.  

Darüber sprach ich vor vielen Jahren mit Herrn Hans Reitmayr, der aus der Gegend um Steyr aus einer alten bäuerlichen Familie stammte. Dieser liebenswürdige Herr, mit dem ich gemeinsam eine Erinnerungstafel für einen getöteten Wilderer errichtete,  ist leider schon verstorben.  Er erzählte mir, dass er bei diesem berühmten Rapid-Match anwesend war. Auf meine Bitte hin schrieb er in einem Brief seine Erinnerungen an dieses Match nieder. Ich will seine Ausführungen hier  wiedergeben, Unter der Überschrift „Die wohl heißeste Rapid-Viertelstunde“ schrieb mein Freund:

„Sonntag, 22. Juni 1941. Über Berlin ein strahlender Himmel. Eigentlich ein trauriger Tag –  der Krieg gegen Russland beginnt. Und doch wird diese Trauer darüber von einem anderen Ereignis verdrängt – Berlin ist in geballter Fußballspannung. Die deutsche Fußballmeisterschaft wird ausgetragen: Schalke 04 aus Gelsenkirchen und Rapid Wien treffen aufeinander.

In unserer (militärischen) Dienststelle, in der auch mehrere Österreicher tätig sind, beginnt eine Rangelei und Knobelei, wer denn dieses Spiel besuchen kann. Der Dienststelle standen vier Eintrittskarten zur Verfügung. Der  Chef hatte zugestimmt, dass die Männer, die die Karten ergattert hatten, das Spiel besuchen könnten, aber nach dem Spiel umgehend zur Dienststelle zurückkehren müssten. Immerhin war, wie schon gesagt, der Krieg gegen Russland ausgebrochen. 

Ich war der einzige Österreicher (Ostmärker), der eine Eintrittskarte für das Spiel gewonnen hatte. Ich marschierte also Richtung Berliner Olympia-Stadion.

Auf dem Weg dorthin sangen die Massen schon diverse Schmählieder, zum Beispiel „Admira Wien mit 9:0 weggeputzt – Rapid wird mit einem Dutzend zurechtgestutzt“. So und ähnlich wurde Stimmung gemacht.

Im Stadion angekommen, suchte ich erfolglos eine Gruppe von Österreichern (Ostmärkern), mit der ich gemeinsam das Spiel verfolgen könnte. Stattdessen geriet ich in einen Pulk von Schalke 04-Anhängern.  Die etwa 5000 mitgereisten Österreicher gingen bei 90.000 Gesamtbesuchern einfach unter.

Das Spiel begann. Der Anfang war katastrophal für die Rapidler. „Das Dutzend wird voll“, sangen die Anhänger der Schalker. Ich wiederum hänselte: „Wartet ab, die Rapidler sind faire Sportler – sie geben ein paar Tore vor, wie man es so macht, wenn man einen ganz schwachen Gegner hat“. Ich erntete natürlich Gelächter, aber einige Schalke-Anhänger verstanden keinen Spaß. Es wurde hart debattiert. Die Schalker bezeichneten uns als „Kamerad Schnürschuh“, ich nannte sie „Marmeladinger“ und verwies auf die berühmte „Rapid-Viertelstunde“. Außerdem erzählte ich anschaulich von den Bimbo-Freistößen und den gegnerischen Tormännern, die extra eine Lebensversicherung abschließen oder sich so ins Tor stellen, dass sie nicht vom Ball getroffen werden können. Die Schalker revanchierte sich mit: „Diese Krücken gehören nicht in das Olympiastadion, die sollen erst einmal Fussball spielen lernen, bevor sie nach Berlin kommen. Nicht einmal einen Elfer bringen sie unter“.

So ging es weiter bis zur Halbzeit, in der es 3:0 für Schalke stand. Natürlich wurde ich ausgelacht, als ich dann noch einmal sagte: „Das halte ich von den Rapidlern für übertrieben, den Schalkern einen solchen Vorsprung zu überlassen. So schlecht sind sie nun auch nicht“.

Dann aber begann die Rapid-Viertelstunde wirklich, die ich schon mehrfach angekündigt hatte. Rapid schießt Tore! Bei jedem Tor war mein Kommentar: „Ich habe es ja gesagt – die lassen Schalke spielen und Rapid gewinnt“. Bei jedem Tor wurde die Stimmung aufgeregter, vielleicht auch etwas gehässiger. Ich war jetzt obenauf, ich habe nicht mehr viel gesagt und nur schadenfroh gelächelt. Dann hieß es schließlich: 4 zu 3 für Rapid.

In meiner Freude schlug es wie ein Blitz ein. Ein Schalker Fan, der sich während des Spiels schon ziemlich schamlos über die Österreicher (Ostmärker) und über den österreichischen Fußball ausgelassen hatte, schlug schräg von oben wuchtig auf meinen Kopf. Meine Ausgeh-Schirmmütze wurde mir in das Gesicht getrieben und verhakte sich unter meinem Kinn….. Das Nachspiel für mich war, dass ich von meinem Obersten einen leichten Tadel wegen Beschädigung von Wehrmachtseigentum einstecken musste und den Rat bekam, in Zukunft ohne Mütze zum Fußball zu gehen. Mein Oberster war ein Steyrer.“

Diese briefliche Erzählung meines verstorbenen Freundes Hans Reitmayr zeigt gut die kampfähnliche Auseinandersetzung der Fans auf, aber auch , dass ein entscheidendes  Match in einer schwierigen Zeit zum Mythos werden kann.

 

Fanclubs und Feldzüge – der 12. Mann

Ein anderer Fanclub von Rapid nennt sich „Gaudeamus“.  Der Name stammt vom alten Studentenlied  „Gaudeamus igitur“. Gegründet wurde dieser Club von Mitgliedern einer katholischen Studentenverbindung in Wien. Anlaß für die Gründung war ein Europacupspiel im Jahre 1996. Nach diesem hoben Studenten dieser Verbindung auf einer Studentenbude den Fanclub „Gaudeamus Grün-Weiss“  aus der Taufe. Ihr Emblem zeigt die Farben von Rapid gemeinsam mit einer klassischen Studentenmütze.

Dieses hier gepriesene Treuegebot ist typisch für alte  Kriegerkasten. In diesem Sinn ist jede Beleidigung oder Tätlichkeit begangen an einem Stammesmitglied zu rächen. Rache ist nicht nur für den kühnen Krieger, sondern auch für den Fan ein wichtiger Grund zur Betätigung. Rachefeldzüge bestimmen das Leben der Kriegergesellschaft und der edlen Fans. Provokationen durch den Gegner -   oft erhofft und erwünscht  -  werden  beinhart beantwortet. Kommt es zu einer  Verletzung eines Kumpanen, so ist es wahrscheinlich, dass Feldzüge geplant und durchgeführt werden. Vergeltungsaktionen richten sich dabei gegen einzelne Mitglieder der gegnerischen Truppe.

Diese Demonstration von rituellem Lärm hat hohen Wert für das Bewusstsein der Gemeinschaft. Diese Gesänge, die von Einpeitschern angestimmt werden können von heiterer Brutalität sein, wie zum Beispiel: „Zieht den Tirolern die Lederhosen aus“. Oder sie verkünden die Treue zu dem Verein.

Geradezu beschwörend und wie eine Zauberformel klingt dieser Schlachtruf: „Rapid Wien wird Meister - sagen alle Geister!“

Lieder dieser Art werden erfunden und gesungen, und verschwinden wieder, wenn Spezialisten unter den Fans neue Texte, die besser zu den sich ergebenden Situationen passen, dichten. 

Grundprinzipien solcher Schlachtgesänge sind eine Lobpreisung der eigenen Mannschaft und oft eine Beschimpfung der feindlichen. Vorbildcharakter dürften die englischen Schlachtgesänge dabei haben. Bei diesen können oder konnten auch die sozialen Probleme der Stadt Gegenstand des Spottes  sein, aus der die gegnerischen Fans kommen, wie beispielsweise die Arbeitslosigkeit und die Armut in Sheffield und Liverpool. Beim Spiel Chelsea gegen Sheffield am 2. Juni 1985, welches während des Bergarbeiterstreiks ausgetragen wurde, sangen die Fans von Chelsea höhnend: “You'll never find a job”. Als besonderen Gag holten  Chelsea Fans einmal bei einem Spiel gegen Liverpool Zehnpfundscheine aus ihren Taschen und schwenkten sie über ihren Köpfen, um den Liverpool Fans ihre Armut spöttisch vor Augen zu führen. 

Sportspiele in der Art des Fußballspiels gab es wohl schon in der Antike, wobei jedoch Wagenrennen, Laufen und auch das Boxen die Massen des Altertums anzogen. An die Antike erinnert auch das Wort  „Fan“.  Es geht auf das lateinische Wort „fanaticus“ zurück, welches so viel wie „schwärmend“ heißt. Interessant ist, dass in diesem Wort das Wort „fanum“ steckt, was soviel wie Heiligtum oder heiliger Ort heißt.  Für die Fans ist auch tatsächlich das Spielfeld ein heiliger Ort, auf dem sich ihre Mannschaft nach durch würdige Fußballvertreter geheiligten Regeln mit einer gegnerischen Mannschaft um den Sieg kämpft.  Auf einem Reklameband am Rande des Spielfeldes taucht zu meiner Überraschung der Hinweis auf, dass Rapid „heilig“ sei. Auf dem nächsten Band ist ergänzend zu lesen: „Wir haben das Weihwasser“. Dabei ist der Name einer Bierfirma erwähnt.

 

III. Zu den Randkulturen des illegalen oder verpönten Geschäftes        

Bei Randkulturen dieses Typs handelt es sich um solche, die man schlechthin als "Kulturen der Ganoven" ansprechen kann. Die Mafia und mafiaähnliche Organisationen , die vor allem den großen Schmuggel in den Händen haben, gehören hierher.

Sie alle haben eine lange Tradition  und sind seit dem Mittelalter Gegenstand der Literatur. Berühmt ist der um 1500 erschienene "Liber Vagatorum", in dem Bettler  und Gaunertricks nebst der Ganovensprache festgehalten werden. Zu diesem "Liber Vagatorum" schrieb übrigens Martin Luther das Vorwort, in dem er erwähnt, ein solches Buch sei wohl wichtig, denn er selbst sei von Ganoven "beschissen" worden.

Ein bedeutsames Buch über derartige Randkulturen ist das von Schäffer aus dem Jahre 1793 über das "Gauner  und Bettelwesen in Schwaben". Großartig ist das 1858 erschienene Werk "Das deutsche Gaunertum" von Friedrich Christian Benedict Ave Lallemant .    

In all' diesen Arbeiten werden Bettler  ,Diebs und Ganoventricks geschildert, die es heute zum Teil noch gibt.

Unsere modernen Gaunerkulturen haben ihre Wurzeln im Mittelalter, in einer Zeit, in der in Armut lebende Menschen sich zusammengetan haben, um auf verbotene Weise Wohlhabende um ihr gutes Geld durch Raub, Betrug, Bettelei oder andere "Bubenstücke" zu erleichtern.

Es waren und sind häufig Angehörige missachteter Volksgruppen oder wenig angesehener Berufe, die der Weg illegalen Handelns suchten. So ist es typisch, daß die großen Gaunerbanden des 18.und 19. Jahrhunderts von derartigen Leuten angeführt wurden. Der berühmte Schinderhannes entstammt einer Familie von Abdeckern, also von Tierkadaververwertern, die am Rande der Dörfer,meist dort, von wo der Wind kam, lebten und arbeiteten. Aus einer ebensolchen Familie kommt der in Österreich berühmte und zur Legende gewordene  Räuberhauptmann Grasl. 

Auch die Kultur der Prostitution ordnet sich hier ein, denn für Frauen aus degradierten und verarmten sozialen Gruppen bietet sich der Weg der Prostitution an, um auf wenig angesehene Weise schnelles und viel Geld zu erwerben. So ist es bemerkenswert, daß Frauen aus den früheren kommunistischen Ländern nach dem Öffnen der Grenzen die Chance nützten, im nahen Österreich als Dirnen sich anzubieten, wo sie in einer Nacht mehr verdienten als ein Arbeiter aus dem Osten in einem ganzen Monat.

Es sind also bunte Kulturen, die auf alten Traditionen aufbauen und die auf illegale oder zumindest gesellschaftlich verpönte Weise ihren Mitgliedern ermöglichen, einigermaßen nobel zu überleben.

 

Dirnen und Zuhälter

(siehe dazu auch das Kapitel über den „Strich“)

In der Kultur der Prostitution bestimmen Rituale, Symbole und spezifische Regeln die Beziehungen zwischen Dirnen, Zuhältern und Kunden.

Vor vielen Jahren, am Beginn meines Studiums, lag ich nach einem schweren  Motorradunfall im Wiener Allgemeinen Krankenhaus , wo ich einen freundlichen Herrn, der wegen eines Herzstiches eingeliefert worden war, näher kennen gelernt habe. Er wurde zu meinem Freund, nicht nur weil er mir seinen Schutz gegenüber böswilligen Krankenschwestern angedeihen ließ, sondern auch, weil er mich später in seine Lokale mitnahm. Durch ihn bekam ich einen ersten Einblick in die Welt der Prostitution. Die Bekanntschaft zu diesem Herrn war es schließlich, die mich veranlaßt hat, mich näher mit Dirnen und Zuhältern zu beschäftigen und darüber ein Buch zu schreiben.

Aus dem jungen Zuhälter ist inzwischen ein würdiger Besitzer einer Reihe von Nachtlokalen geworden. Vor Kurzem ist ihm sogar ein mehr oder weniger  wohlwollender Artikel  in der angesehenen Zeitschrift "Öffentliche Sicherheit" ,herausgegeben vom österreichischen Innenministerium , gewidmet worden. In diesem wird er als der große Mann am  Strich geschildert , dessen Geschäfte von einem "Statthalter" geführt werden und der über Ländereien verfügt.

Vom "kleinen" Zuhälter war er also zum noblen vielfachen Bordellbesitzer aufgestiegen , dem es schließlich gelang, den Wiener Strich zu kontrollieren.

Da ich nie über ihn geschimpft und seinen vollständigen Namen nie verwendet habe , genoss ich auch nach Erscheinen meines Buch "Der Strich" weiterhin seine Freundschaft. Die sich schließlich darin äußerte, daß er auf meine Bitte hin mit mir und Freunden von mir regelmäßig Führungen über den Wiener Strich durchführte. Einmal sogar wollte ein angesehener Professor der Betriebswirtschaftslehre an der Wiener Universität aus rein wissenschaftlicher Lust ergründen ,wie so ein Zuhälter und Bordellbesitzer seine "Betriebe" leite und dabei zu gutem Geld komme. (siehe dazu Näheres im Kapitel „Der Strich).

Mein Buch „Der Strich", das ich über meine Forschung geschrieben habe, wurde schließlich Gegenstand einer Diskussionsveranstaltung im österreichischen Fernsehen, zu der neben mir auch Leute vom Strich eingeladen waren Es ging dabei ziemlich wild zu . Jedenfalls eine bayerische Zeitung war angetan von diesem  und brachte einen heiter besinnlichen Bericht ,der mit diesen Worten begann : "Wie wird man(n) Zuhälter ? Ex 'Strizzi' Peter Stolz betrieb Berufsberatung auf Wienerisch: 'Scho meine Mama is am Strich gangen, mit meinem ersten Mädel. Sie war halt a aufgschlossene Frau'. Eines Tages habe sie ihn gefragt: 'Gehst arbeitn, gehst stehln oder schickst aane am Strich?' Peter:'Was is  mir da scho übrig geblieben?' ". Und weiter hieß es : "Nachdem Ritter Roland (damit bin ich gemeint, d.Verf.) auch noch eine Lanze für das älteste Gewerbe der Welt brach, drückte ihm Couch Nachbarin Domenica, die ihm vorher die kalte Schulter gezeigt hatte, dankbar die erfahrene Hand...".

Es ist vor allem die Stadt, die Prostitution möglich macht.

Die Welt der Prostitution mit ihren vielen Grenzen ist kompliziert. Ich will hier auf ein paar Bereiche eingehen. So interessierte mich die Frage, welche Strategien der Zuhälter anwenden muß, um ein Mädchen zu einer Dirne zu machen.

Der Zuhälter versucht ein psychisches und sexuelles Naheverhältnis zu einem Mädchen aufzubauen, um dieses dazu zu bringen, für ihn auf den Strich zu gehen. Jedenfalls erscheint für die Dirne der Strich als eine wichtige Chance, für sich und ihren Freund, der auch als Verwalter des Geldes auftritt   zu Geld zu kommen und halbwegs nobel zu leben.

Allerdings bedeutet der Zuhälter für die junge Dirne auch einige Belastung. Eine solches Mädchen, das mit ihrem Zuhälter in einem Hotel wohnte, meinte: "Die Miete für das Zimmer ist nächste Woche fällig. Mein Alter (Zuhälter) hat schon gedroht, wenn ich heute nichts mache, sitzen wir auf der Straße, und kriege ich eine in die Goschen (Gesicht). Ich muß etwas verdienen, sonst bekomme ich Wickel (Ärger)".

Es gibt aber auch Frauen am Strich , die durch Freundinnen dazu verleitet werden, sich zu prostituieren. Hier ist es das Geld, das vorrangig lockt. Allerdings muß sie damit rechnen, von einem Zuhälter überredet zu werden, für ihn zu "arbeiten".

Die "große Aufgabe" des Zuhälters liegt nun darin, der Dirne das zu verschaffen, was sie sonst vermisst: nämlich Zärtlichkeit und Zuneigung. Dazu meinte eine Prostituierte:"Für den Kunden ist man nur eine Matratze. Kommt man jetzt heim in die vier Wände und wartet dort niemand auf einen, so fangen viele zum Saufen an. Das habe ich getan. Wenn ich einen Alten habe, dann habe ich das gehabt, was ich haben wollte. Ob das das Bett war oder etwas anderes......Auch wenn der Depperte nur die Hände aufhält. Für jedes Busserl zahlst du. Wenn er dich pudert, so zahlst du.." Der Zuhälter wird somit zur "Hur der Hur" , der sich also dafür zahlen läßt, daß er der Dirne seine Zuneigung schenkt

Der Kunde ist  für die Dirne als Sexualpartner uninteressant, zu  ihm versucht sie  eine soziale Distanz aufzubauen. Sie will nicht als jemand gesehen werden, der sich wie ein Stück Fleisch verkauft. Die Dirne definiert sich also als jemand,die Sexualität verkauft, aber auch als eine Art Seelentrösterin, denn nicht wenige Kunden (vor allem  Stammkunden) suchen den freundlichen Zuspruch, für den sie auch gerne zahlen. Keineswegs wird der Kunde als Lustobjekt begriffen. Dies stellt auch eine Dirne klar: "Wenn man eine richtige Hure ist, so muß das Geld stimmen. Der Kunde ist das Objekt, von dem ich etwas will, nämlich Geld. Was der Kunde sexuell macht, nimmt man nicht ernst. Hauptsache, man hat das Geld."

Die Dirne sieht sich daher nicht als Gegenstand, der verkauft wird, sie verkauft etwas, nämlich Sexualität. Die Distanz zum Kunden  drückt sich symbolisch darin aus, daß sie sich nicht auf den Mund küssen läßt. Sprachlich deutet die Bezeichnung für Kunde im Kreis der Wiener Dirnen und Zuhälter   nämlich "Gogl"   darauf hin, daß man sich über den Kunden belustigt, dies entspricht dem Selbstverständnis der Dirne.

Im Kreis des braven Bürgers ist es die Frau, die den Mann durch Schmuck, Nichtstun usw. präsentiert. In der Welt der Prostitution jedoch ist es der Zuhälter, der zum Präsentationsobjekt der Dirne wird. Er ist es, der Schmuck trägt und durch eine teures sowie feine Kleidung dokumentiert, daß seine Dirne finanziell potent ist. Dies ist ganz im Sinn der Dirne. Eine Frau erzählte: "Wenn mein Alter wie ein Speckknödel daherkommt, so glaubt man am Gürtel gleich, ich verdiene nichts."

In der Welt des braven Bürgers ist es im Vergleich dazu die Frau, die den Ehemann präsentiert und zeigt, daß ihr Herr und Meister es sich leisten kann,sie mit teuren Dingen zu behängen.

Für das Selbstverständnis der Dirne ist schließlich das Bewußtsein wichtig, eine für die Allgemeinheit nicht unwichtige Aufgabe zu erfüllen, wenn sie ihre Dienste anbietet. 

Sie steht damit in der Tradition der alten Griechen, die ihre Bordelle der Aphrodite Pandemos (s.o.) geweiht haben.

Diese Göttin war keineswegs friedfertig und geduldig. Viel eher war sie ein Heißsporn und eine Aufrührerin. Vor dem berühmten Tempel der Pandemos in Elis stand  deshalb eine vom Bildhauer Skopas geschaffene Statue,die einen Ziegenbock mit goldenen Hörnern, auf dem die Aphrodite triumphierend sitzt, zeigte: die Göttin der Liebe als Siegerin über sexuelle Begierde.

Die erfahrene Hure kennt die Männer mit ihren Problemen besser als andere Leute, in gewisser Weise ist sie jedem Psychiater überlegen.

Die Kunst der gescheiten Dirne ist es demnach, im Kunden das Gefühl zu erzeugen, daß sie nicht bloß  gegen Geld Sexualität liefert, sondern auch Sympathie und Zuspruch. Dies machte die Stärke der klassischen Hure aus, der Hetäre.

So  erzählte   mir eine Dirne: "Ich  habe  einen gehabt, der ist mit mir zwei Stunden im Auto spazieren gefahren und hat mir 2000 Schilling gezahlt und mir seine Probleme erzählt. Der ist jede zweite Woche gekommen. Ich habe ihm aufmerksam zugehört. Der ist froh, wenn er sich ausreden kann." Und eine andere Dirne führte aus:

Diese Dirne kennt ihren Wert als Frau, von der der Kunde, überhaupt der sogenannte "Stammkunde",  sich eine freudvolle Behandlung erhofft. Dazu erzählte eine  Dirne :

"Die Stammkunden  kommen immer wieder. Sie sind auf mich erpicht. Sie suchen mich schon, wenn ich einmal nicht auf meinem Platz steh...Einer sagte sogar zu mir:ich träume schon von Dir! " Die Dirne will als Frau ihre Würde bewahren.

Typisch für diese Randkultur ist eine spezifische Sprache, die eng mit dem Rotwelsch,der alten Gaunersprache (s.u.) verbunden ist. Die Wörter dieser Sprache, von denen hier einige zu nennen sind,deuten darauf hin, daß eine alte Kultur mit Dirnen und ihren Zuhältern verbunden ist. Hier einige Beispiele:

 Anschlagen: Nennen des Preises durch die Dirne

 Blasban: fellationierende Dirne

 Burenhäutlstrizzi: mieser Zuhälter

 Deckel, Büchl, Fleppe: Gesundheitskarte der Dirne

 Geheime: Geheimprostituierte

 Gogl: abfällige Bezeichnung für den Kunden der Dirne

 Goustierkatz: Dirne,die auf der Suche nach einem Freund (Zuhälter) ist.

 Herrn Gast: noble Bezeichnung des Kunden z.B.bei der Polizei

 Hacknbock: hochhackige Schuhe der Dirne

 Koberer: Wirt

 Koberin: Puffmutter

 Scheißban: Schimpfwort für Dirne

 Strizzi: Zuhälter

 

Die Welt der Prostitution hat sich wohl nach dem Öffnen der Grenzen von 1989, als Mädchen aus dem Osten nach Wien kamen, in einigem verändert, aber dennoch beherrschen noch weiterhin die früheren Herrn des Strichs und ihre Vertreter das Leben dort.

 

Schmuggler

Auf Schmuggler gehe ich in meinem Buch „Abenteuer Grenze - Von Schmugglern, Schmugglerinnen, Ritualen und „heiligen“ Räumen“ näher ein.

Wie ich in meinem Vorwort zur ersten Auflage dieses Buches bereits betont habe, gehören Grenzen  zum menschlichen Leben - menschliche Kulturen sind ohne Grenzen nicht vorstellbar. In einer Besprechung dieses Buches heißt es daher abschließend: „Roland Girtlers Buch ist eigentlich eine Lebensweisheit.“ Mich ehrte diese Feststellung sehr, denn sie erfasst gut, auf was mir eigentlich auch ankommt, nämlich auf die Wichtigkeit und Vielfalt von Grenzen, wie ich sie als Soziologe und Kulturanthropologe, der auch Urgeschichte studiert hat, als wesentlich für die Buntheit der menschlichen Existenz erfahren und begriffen habe.    

Schließlich haben Grenzen auch etwas mit Wanderungen, Kämpfen, Schutz und Rückzug zu tun.  Ich denke hier an die Wanderungen von Handwerksburschen, die in fremden Landen zu überleben suchten, und ganzer Stämme, wie die der Goten und Vandalen, die vom Norden bis nach Spanien und Nordafrika kamen, wo sie große Reiche, die freilich ihre Grenzen hatten, errichteten.

Mich faszinieren als Kulturwissenschaftler seit jeher Grenzen in ihrer Buntheit. Ich werde zeigen, wie Menschen mit Grenzen umgehen, wie sie solche errichten, sie umkämpfen, sie zum Schutz benötigen und sie überwinden. Weil ich mich eben Grenzen faszinieren, bin ich, wie ich später noch erzählen werde, einen Großteil der österreichischen Grenzen mit dem Fahrrad abgefahren.

Spannend ist auch die Geschichte des Wortes “Grenze”, „Grenze“ leitet sich etymologisch - also von der Wortwurzel her - von dem altslawischen Wort „grani“ ab, das soviel wie Ecke bedeutet. Im  Polnischen gibt es das Wort „granica“ für Grenze. Es ist gleichbedeutend mit der deutschen Bezeichnung „Mark“, die ursprünglich soviel geheißen hat wie „Grenzgebiet“. „Mark“ ist übrigens mit dem lateinischen Ausdruck „margo“ für Rand stammverwandt.  Es ist anzunehmen, dass im  13. Jahrhundert deutsche Ordensritter das Wort „Grenze“ nach Deutschland gebracht haben. Geliebt hat das Wort Grenze Martin Luther,  durch ihn wurde es gemeindeutsch (vgl. Kluge, Etymologisches Wörterbuch der Deutschen Sprache, 1960, S 269).

Das Wort „Grenze“ mit seiner slawischen Wurzel deutet also auf eine aufregende Geschichte hin.

 

Es gibt Spezialisten, die als Flüchtlinge, Händler, Schmuggler und Spione in oft höchst geschickter Weise mit Grenzen umzugehen wissen und dabei mitunter sogar sehr gefährliche Geschäfte durchführen.

Grenzen können auch fatal sein, wenn andere Menschen durch sie gedemütigt werden sollen.

Ganz allgemein jedoch machen Grenzen die Welt nicht eng, sondern weit und bunt.

Grenzen haben oft mit Achtung gegenüber dem anderen zu tun.

Grenzen vermögen also auch Würde zu vermitteln. Darauf verweist folgende Geschichte, von einem mir unbekannten Autor: Ein junger Mann wurde nach dem ersten Weltkrieg auf einem Gutshof als Gehilfe des Verwalters angestellt. Obwohl Deutschland bereits eine Republik war, herrschten auf diesem Hof noch die alten Sitten, nach denen die Angestellten den Gutsbesitzer, einen Grafen, und seine Frau, eine Gräfin, mit ihrem Adelstitel unterwürfig ansprachen und auch sonst sich sehr ergeben zeigten. Dies gefiel dem jungen Mann, der ein überzeugter Republikaner war, ganz und gar nicht. Schweigend und abschätzig betrachtete er die Unterwürfigkeit der Dienstleute. Diese Abschätzigkeit fiel der Gräfin auf. Sie fragte ihn daher eines Tages: „Warum machen Sie es sich und uns eigentlich so schwer?“ Der Angesprochene schwieg zunächst ein paar Augenblicke und versuchte mit unruhigen Händen seine Bleistifte zu ordnen. Dann antwortete er, wie die Gräfin später erzählte, ruhig und würdevoll:   „Ich bin hier fremd, Frau Gräfin“, „Ich möchte es bleiben dürfen“. Er durfte es. Die Gräfin akzeptierte seine Antwort. Als Republikaner wollte er seine Grenze gegenüber den alten Adelssitten, die ihm missfielen. Man beließ ihm diese Grenze.

Grenzen können also höchst spannend sein.

Das Niederreißen von Grenzen, um so etwas wie eine einheitliche Kultur zu schaffen, war oft äußerst problematisch, so in der Französischen Revolution genauso wie im zaristischen und kommunistischen Russland und im Nationalsozialismus.

Das Verschwinden von Grenzen kann allerdings auch vorteilhaft sein, wenn es um gemeinsame Märkte und freie Zugänge geht. Die Bürger der alten DDR erlebten das Niederreißen der berühmten Mauer als einen Augenblick der Befreiung - aber es entstanden neue Grenzen, jedoch freiere. Echte liberale und großmütige Gesellschaften zeichnen sich dadurch aus, dass sie Grenzen und damit auch Randkulturen, soweit sie nicht Schaden zufügen, zulassen.

Das Thema der Grenze ist also auch in der globalisierten Welt von großer Aktualität.

Grenzen gehören zu unserem Alltag, denn wir sind ständig mit Grenzen konfrontiert.

Über dies alles wird in diesem Buch zu berichten sein. Der Stoff ist weit und kaum begrenz(!)bar.

Erwähnen will ich, dass im Jahre 1992, als dieses Buch erstmals erschien, dieses im Wiener Nachtlokal Moulin Rouge präsentiert wurde. Die Präsentation hat mir der Eigentümer dieses berühmten Etablissements, Heinz Schimanko, der leider vor Kurzem verstorben ist, ermöglicht. Er stellte mir das Moulin Rouge samt Musikern, Tänzerinnen und Varietékünstlern kostenlos zur Verfügung. Lediglich den Sekt zum Einkaufspreis galt es zu begleichen. Gekommen waren zu dieser Buchpräsentation einige Professoren, nicht alle geladenen waren erschienen, Studenten, Freunde und Freundinnen, aber auch Leute aus der Welt des Schmuggels.

Die Präsentation ging so vor sich, dass ich etwas aus meinem Buch in der Mitte des Lokals vorlas. Nach mir traten jeweils knapp bekleidete Tänzerinnen und heitere Gaukler auf. Auf einem Bild, das von dieser Präsentation existiert, sieht man eine dieser hübschen Striptease-Künstlerinnen. Hinter ihr ist ein Herr zu erkennen, der eine Karriere als internationaler Schmuggler hinter sich hatte.

 

 

Auch Herr Otto Hofer, ein Herr, der sich mit der alten Vorarlberger Schmugglerkultur kennt, trat auf und zeigte, wie ehedem junge Burschen aus Lustenau zum Beispiel Tabakwaren aus der Schweiz heran schafften.

Es war ein bunter Abend, von dem die Anwesenden höchst begeistert waren, schließlich handelte er von Grenzen – eine solche Grenze war auch die zum Moulin Rouge, die nicht alle meine Bekannten zu überschreiten wagten. Herrn Heinz Schimanko danke ich dafür posthum.

 

Danken möchte ich noch einmal all den Menschen, die mir bei meinen Studien halfen. 

Dank schulde ich auch Herrn Hermann Walder aus Sillian in Osttirol. Von ihm hörte ich noch einige Schmugglergeschichten, die an der Grenze zu Italien spielten. Sie bestätigen meine Forschungen. Hermann wohnte mit seinen Eltern und Geschwistern in einem Bauernhof in Kalkstein direkt an der italienischen Grenze. Hermann hat schon als Bub in den frühen fünfziger Jahren Vieh nach Italien geschmuggelt, vor allem im Herbst, denn damals fanden die Bauern in Österreich kaum Abnehmer für ihr Vieh. Um den Zöllnern zu entwischen, nahmen die schmuggelnden Burschen oft schwierige Wege auf sich. Einmal zogen sie sogar eine Kuh mit Seilen über einen Felsgrat. Auch Zucker schmuggelten Hermann Walder und seine Gefährten. Von Italien brachten sie vor allem Maismehl, das damals Mangelware in Österreich war. Zu den Schmugglern gehörte ebenso Hermanns Bruder Pius. Er wurde später als Wildschütz von einem Jäger hinterrücks erschossen.

Danken will ich meinem Freund Bruno Öttl aus Landeck in Tirol. Er half mir, mit Tiroler Schmugglern in Kontakt zu kommen. Darüber wird zu berichten sein. Er erzählte mir auch von seiner Muttern, die in der Zwischenkriegszeit als armes Bauernmädchen auf ihrem Weg in den Dienst nach Samnaun, das in der Schweiz liegt, einmal Kuhhäute geschmuggelt hat und dafür gut mit Schweizer Franken bezahlt wurde.  Mit diesem Geld habe sie ihrem Bruder, der in Brixen „auf Pfarrer“ studierte, das Studium ermöglicht.  Mit zwei Freundinnen, der Veiter Rauta und der Veiter Zilla, machte sie sich damals auf den Weg. Begleitet wurden sie von zwei Brüdern der Mutter Öttls.  Die beiden Burschen hätten sie von einem Joch auf einer Kuhhaut über ein Schneefeld gezogen. Erst um sieben Uhr in der Früh nach einem zehnstündigen Marsch langten sie in einem Schweizer Gasthaus an, wo sie die Kuhhäute günstig verkaufen konnten. Die junge Frau war derart müde, dass sie sich zum Ofen gelegt hat und sofort eingeschlafen ist.

Zu danken ist auch meinem Freund Dr. Wolfgang Scheffknecht aus Lustenau in Vorarlberg, der mich zu Vorträgen über Schmuggler nach Lustenau eingeladen und mich mit weiteren hochkarätigen Schmugglern bekannt gemacht hat. Ihre Geschichten ähneln denen, die in diesem Buch aufgezeichnet sind. In Lustenau lebte auch eine Wirtin, in deren Gasthaus „Zum Lamm“ ich mit Schmugglern sprechen konnte. An sie und ihren Hund denke ich mit Respekt zurück. 

Es ist mir eine Freude, dass dieses Buch, das von Schmugglern und überhaupt von Grenzen handelt, wieder aufgelegt wird. Dafür ist dem freundlichen Herrn Dr. Wilhelm Hopf zu danken, schließlich habe ich mit ihm einige Grenzen überwunden: sei es als Wanderer im tief verschneiten Wienerwald, als Radfahrer zum so genannten Himmel bei Grinzing  hinauf, als Gast eines Etablissements am Gürtel zu Wien und als Besucher eines Holzknechts-Balles am Fuße der Rax, wohin dereinst Protestanten aus Oberösterreich sich zurückgezogen hatten.  Aus den USA hat er mir einen klugen Spruch der Amish-People und der Mennoniten mitgebracht  – so bezeichnen sich die Anhänger einer evangelischen Freikirche, die aus religiösen Gründen bereits im 18.Jahrhundert nach den USA ausgewandert sind. Sie sind Anhänger der Erwachsenentaufe, man nennt sie daher auch „Wiedertäufer“.  Ihr Spruch heißt: „Good Fences Make Good Community“ („Gute Zäune machen gute Gemeinschaft“). Mit diesen Worten werden die Besucher in einem „Amish-Mennonite Visitor Center“ begrüßt.  Dadurch soll ausgedrückt werden, dass diese christlichen Gemeinschaften Wert darauf legen, sich von der übrigen „Welt“ abzugrenzen – etwa durch Pferdekutschen. Durch das Bestehen solcher Grenzen leben sie seit Jahrhunderten mit ihren Nachbarn friedlich  beisammen.

 

IV. Zu den Randkulturen der gemeinsamen Herkunft

Zu ihnen gehören Gruppen von Romas , Juden, Griechen, Italienern, Armeniern und anderen Ethnien , die in den ihnen fremden Welten einem erheblichen sozialen Druck ausgeliefert sind. Als Vertriebene, Flüchtlinge oder Migranten finden sie zueinander Kontakte ,um  einigermaßen in Würde zu überleben. Beispielhaft werde ich hier auf die sogenannten Landler eingehen, über die ich in Rumänien geforscht habe.

 

Die Landler in Rumänien – Verbannte aus Österreich

(siehe dazu die Webseite: http://www.kukvfs.at/)

Die Landler wurden unter der angeblich frommen Maria Theresia aus Österreich nach Siebenbürgen in Rumänien verbannt, weil sie sich als Protestanten geweigert hatten, katholisch zu werden .Ihre Nachfahren haben ihre Kultur bis in die heutigen Tage bewahrt. Sie bilden  eine eigene Randkultur , da sie als Protestanten sich kulturell vollständig von der sie umgebenden orthodoxen rumänischen Gesellschaft abheben. Die Grenze zu der sie umgebenden Kultur sind bisweilen sehr stark.  

Derartige Randkulturen entwickeln zumeist ausgeklügelte Strategien,um in einer ihnen feindlichen Welt wirkungsvoll zu bestehen. Nämlich in einer Welt, in der sie als Fremde und Außenseiter gesehen werden. Ich denke, das Beispiel der Landler ist nicht schlecht gewählt. Und schliesslich handelt es sich hier um eine Kultur ,die heute am Ausklingen ist, denn die Landler sind wiederum unterwegs in die Länder Österreich, aus dem sie wegen ihres Glaubens als „Kriminelle“ verbannt worden sind ,und Deutschland, das ihnen als ein Land der Hoffnung vorschwebt.

Es existieren in Siebenbürgen drei Landlerdörfer ,nämlich: Grosspold, Neppendorf und Großau, sie liegen zwischen Hermannstadt (Sibiu) und Mühlbach (Sebes).

Die Landler sind mit den bereits lang vor ihnen in Siebenbürgen sesshaft gewordenen Sachsen eine enge Symbiose eingegangen . Sie haben aber dennoch ihre eigene Identität ,ihr Selbstverständnis als Landler bewahrt. Sie sprechen ihre alte österreichische Sprache- Das Wort "Landler" leitet sich  von jenem Gebiet  in Oberösterreich ab, in dem der Bauernkrieg seinen grossen Anfang nahm, nämlich vom sogenannten "Landl", dem Gebiet um Peuerbach und Eferding.

Ein die Landler einigendes Band sind die von den Ahnen nach Siebenbürgen gebrachte protestantische Religion samt ihrem Repräsentanten dem Pfarrer.

Die arbeitsreiche Woche wird beschlossen durch den Sonntag. Dazu erzählte mir ein alter Landler:"Was uns Landler und Sachsen hier gehalten hat, das kann man in drei Wörtern zusammenfassen: bete und arbeite. Früher sind 85 Prozent der Deutschen hier in Grosspold zur Kirche gegangen. An einem Sonntag wurden die Schuhe gereinigt, das Vieh gefüttert und nichts gearbeitet". Der Kirchenbesuch gehört zum Leben des Landlers, denn in der Kirche konnte er sich nicht nur in der Tracht präsentieren, sondern in der Kirche wurde ihm auch der Platz zugeteilt, den er in der Gemeinschaft auszufüllen hat. Und dieser Platz ändert sich im Leben des Landlers.

Sein   Fleiß  hilft  dem  Landler , auch  in  schwierigen Situationen und Zeiten  zu überleben. So wusste er dem kommunistischen System mit der Einrichtung der Kollektivwirtschaft listig einige Vorteile für sich abzugewinnen.

Über eine solche List erzählte mir eine Landlerin:

"Wir hatten uns verpflichtet, 1000 Liter Milch im Jahr zum Staat zu tragen. Die Milch, die ich am Morgen gemolken habe, war die beste Milch. Die habe ich nicht zum Staat getragen. Die Abendmilch kam in einen Topf. In der Früh habe ich die Sahne (den Rahm) weggeben und und noch 2 Liter Wasser dazugegeben. So habe ich die Milch abgeliefert, ohne Sahne, aber mit Wasser. Auf diese Idee sind wir erst später gekommen. Am Anfang waren wir noch ehrlich. Die Milch, die wir gebracht haben, wurde wahrscheinlich von denen, die sie gesammelt haben, noch einmal mit Wasser vermischt. Und dann noch einmal. Die Milch wurde sicherlich viermal getauft bis sie zu den Städtern kam. Die Milch war dann ganz blau, wie die Donau".  (Siehe dazu meine Webseite: http://www.kukvfs.at/. 

  

Abschließende Gedanken                 

Auch für Randkulturen ist eine gewisse noble Distanz zu anderen Kulturen, mit denen sie in Berührung sind, charakteristisch. So distanzieren sich Wildschützen von dem sich nicht an waidmännische Regeln haltenden Raubschützen, und aufrechte Ganoven vom Kinderschänder und Vergewaltiger.

Auch die Landler haben ihre Distanz  zu den sie umgebenden Kulturen der Rumänen und Zigeuner. Dies hängt wohl auch eng mit der protestantischen Ethik der Landler und dem Bewahren ihrer alten Kultur zusammen.

Die Strategien in Randulturen, von denen ich mich beispielhaft nur auf zwei hier bezogen habe,  sind vielfältig, um einigermassen nobel zu überleben. 

Es ist der Drang nach Würde, der dem menschlichen Leben und dem Handeln der Menschen wesentlich zugrunde liegt und der gerade in Randkulturen offensichtlich wird.

Und dazu gehören auch Grenzen.

Randkulturen sind seit Urzeiten  Bestandteile menschlicher Gesellschaften. Ihre Bühnen waren und sind die Landstraßen, die Städte , die Dörfer und das Felsgebirge. Fast alle haben eine lange und oft geheimnisvolle Geschichte, die von Not, Elend, Ärger, Verfolgung und Mühen kündet, die aber auch ihre Schönheiten hat und von Mut und Würde erzählt, aber auch von ihren Grenzen, ohne die diese Buntheit nicht möglich wäre. Und irgendwie sind sie alle Grenzgänger.

 

Literatur :

Roland Girtler, Randkulturen – Theorie der Unanständigkeit, Wien 1996

Roland Girtler, Wilderer – Rebellen der Berge, Böhlau-Verlag 1998

Roland Girtler, Rotwelsch – die alte Sprache der Diebe, Dirnen und Vagabunden, Wien 1999

Roland Girtler, Echte Bauern – der Zauber einer alten Kultur, Wien 2002

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