9a - Müllentsorger und Totengräber  - Der Herr, der tausend Leute unter sich hat

Für mein Buch „Eigenwillige Karrieren“ sprach ich auch mit Herrn Sepp Rappold, er ist Müllentsorger und Totengräber.  Diese Verbindung beider Tätigkeiten interessierte mich, da die Aufgaben des Müllentsorgers und die des Totengräbers grundsätzlich ähnlich sind. Beide beschäftigen sich damit, dass etwas, das nicht mehr „verwendet“ wird bzw. nicht mehr „verwendet“ werden kann,  entsorgt wird, d. h. unter die Erde gebracht,  verbrannt wird oder sonst wie beseitigt wird.  Sepp, der zunächst Fleischhauer war, erzählte mir  über den Beginn der Müllabfuhr in Windischgarsten, sein Onkel war ein Pionier auf diesem Gebiet: “1979 habe ich aufgehört mit der Fleischhauerei. Ich wollte etwas anderes machen. Für mich war interessant, dass mein Onkel mit der Müllabfuhr in Windischgarsten und Umgebung 1975 begonnen hat. Er war damals ganz alleine, höchstens Aushilfskräfte unterstützten ihn. Auf die Idee mit der Müllabfuhr ist mein Onkel durch deutsche Gäste gekommen, die mit dem Müll in Deutschland zu tun hatten.  Von der Stadt Mannheim hat er 1975 einen Müllwagen gekauft.  Damals wusste man noch nicht, was man mit dem Müll machen soll.  Hinter dem Kalvarienberg in Windischgarsten gab es zu der Zeit eine große Deponie. Dort haben die Gemeinden den ganzen Müll hingeworfen.  Heute noch liegt dort alles drinnen. Es werden immer wieder Proben aus der Deponie genommen, um zu schauen,  ob dort Schädliches gelagert ist, wenn sich z.B. eine Flüssigkeit absondert.  Gott sei Dank  gibt es bis heute kein Problem.  Bevor es diese Deponie gegeben hat, ist alles, was man nicht brauchen konnte,  irgendwo hingeworfen worden, in einen Graben oder in den Bach.“  Mich interessiert der Beginn der Müllabfuhr und der Mülltrennung. Sepp erzählt: „Mülltrennung gab es damals noch nicht.  Zuerst haben die Gemeinden den Müll selbst weggeführt.  Mit einem Wagen hat der Onkel angefangen.  Am Anfang ist alles zur Deponie hinter den Kalvarienberg gebracht worden.  Vorderstoder und Hinterstoder hatten  je eine eigene Deponie.  Auch in Oberweng gab es eine eigene Deponie, ebenso in Spital am Pyhrn.  Heute kommt alles aus dem Bezirk in das Abfallzentrum nach Inzersdorf. Dort wird alles am Förderband grob sortiert. Dann wird es in verschiedene Richtungen geschickt, das eine dahin, das andere dorthin. Der Rest wird in Wels verbrannt.  ….  1979 hat der Onkel gesagt, er würde jemanden ganztägig einstellen wollen. Vorher hatte der Onkel bloß Tagelöhner hie und da eingesetzt.  Er  selbst fuhr mit dem Müllwagen , auch seine Frau fuhr damit. Ich war der erste, der ganztägig bei ihm angefangen hat. Er hat für die Müllabfuhr einen Wagen gehabt und einen für den Gruben- und Kanaldienst. Letzteren brauchte er zum Ausheben von  Gruben der Klosetts , der so genannten ‚Häuseln’. Der Onkel hat auch eine kleine Landwirtschaft gehabt.  Der Dreck aus den Gruben und den Kanälen ist irgendwo auf die Seite gespritzt worden, auf die Wiesen. Der Onkel selbst hat daheim einen großen Teich angelegt, dort ist alles, auch das aus den Häuseln, hinein gelassen worden. Um den Teich hat er einen großen Erdwall errichtet.  In dem Teich ist alles versickert. Das war so.  Die  Behörde war damals froh, dass irgend jemand da war, der so einen Teich gehabt hat. Die Behörde hat ja nicht gewusst, wohin mit dem Dreck aus ‚Häuseln’ und Kanälen.  Das Problem sind die Waschmittel.  Heute kommt alles, Gott sei Dank, in die Großkläranlage in Rossleithen“.

Sepp arbeitet nicht nur bei der Müllabfuhr, er ist auch Totengräber.

Wie er zum Totengräber wird, erzählt er so: „Am 2. Mai 1979 habe ich bei der Müllabfuhr begonnen.  Und am 7. August 1979 habe ich mein erstes Begräbnis gehabt. Da habe ich also als Totengräber angefangen.  Durch meinen Chef von der Müllabfuhr , meinen Onkel,  hat sich das so ergeben. Er war mit dem  Herrn Berner von der Bestattung viel beisammen, sie waren gemeinsam im Windischgarstner Reitverein.  Da hat mein Onkel einmal gehört, dass der Berner keinen Totengräber hat, denn der alte Totengräber hat aufgehört. Der Berner, also der Bestatter von Windischgarsten, hat nun selbst zwei Monate hindurch die Gräber geschaufelt.  Mein Onkel hat mir das erzählt. Ich habe mir  gedacht, dass die Arbeit als Totengräber kein schlechtes Geschäft ist.  Damals ist für das Grabschaufeln noch gut  gezahlt worden. Bei der Müllabfuhr habe ich 7.150 Schilling im Monat verdient und für das Schaufeln eines Grab habe ich 1.400 Schilling verdient.  Mit 3 Gräbern verdiente ich schon über 4.000 Schilling.  Ich bin der einzige Totengräber in der Gegend.“

Ich frage Sepp, ob es Gruppen von Totengräbern gibt, die sich auch regelmäßig treffen. Er nickt und erzählt: „Es gibt die „Vereinigten Totengräber“. Ich war in Tunesien auf Urlaub. Wie ich mit Mitreisenden ins Reden komme, fragt mich eine Frau, was ich von Beruf bin. Ich habe geantwortet: ‚Ich habe tausend Leute unter mir!’ Sie hat mich darauf sofort gefragt: ‚Bist du vielleicht ein Totengräber ?’  Sage ich: ‚Ja, wie kommst du darauf ?’  Sagt sie: ‚Ja, mein Bruder ist auch Totengräber’.  Es hat sich heraus gestellt, dass ihr Bruder der Schriftführer von den ‚Vereinigten Totengräbern Oberösterreichs ist..   Durch diese Frau bin ich schließlich auf diesen Verein gestoßen und Mitglied in diesem geworden“.   Dieser Verein veranstaltet  regelmäßig Treffen, bei denen Erfahrungen ausgetauscht werden, aber auch heitere Kränzchen, bei denen fröhlich musiziert und getrunken wird.

Während die heutigen Totengräber und Müllentsorger ihre Arbeit als durchaus geachtete Berufe sehen, gehörten ihre Vorläufer im Mittelalter den so genannten „unehrlichen Berufen“ an, da sie, wie schon erwähnt, außerhalb der ständischen Ordnung sich befanden.  In die Literatur fanden  Totengräber vor allem Eingang durch das Drama „Hamlet“ von Shakespeare.  In diesem treten zwei Totengräber auf, die sich Gedanken auch über ihren Beruf machen. Der eine der beiden bezeichnet den Beruf des Totengräbers als einen uralten „edlen Beruf“. Er sagt dabei zu seinem Kollegen, mit dem er eben dabei ist, ein Grab zu schaufeln, dies: „ Komm, den Spaten her! Es gibt keine so alten Edelleute als Gärtner, Grabenmacher und Totengräber, sie pflanzen Adams Profession fort.“  (Girtler 2011).  Ich füge im Sinne meines Gesprächspartner  Sepp hinzu: edle Leute sind auch die Müllentsorger.