21 - Religion und Magie in der bäuerlichen Kultur


Einleitende Überlegungen

Die echte bäuerliche Welt ist voll der Religiosität, nämlich voll des Wissens, dass ohne göttliches Zutun Getreide, Mensch und Tier nicht wachsen, gedeihen und blühen können.

Der bäuerliche Mensch sieht sich eingeordnet in den Gang des Universums, hinter dem Gott sich befindet. Diesen muss man gnädig stimmen, um zu überleben. Daher hielt man sich an die Gebote Gottes und der Kirche. Davon versprach man sich eine gute Ernte und ein gesundes Leben. Daher gehört es zum echten bäuerlichen Leben, dass man regelmäßig zum Sonntagsgottesdienst geht, in dem Gott und die Heiligen um Schutz und Wohlwollen angefleht werden.   Man benötigte die Hilfe des Himmels, um gut zu überleben. An die Stelle des Gebetes ist heute bisweilen die Hilfesuche im Computer getreten, der dem Bauern hilft, zu guten Förderungen und leistungsfähigen Maschinen zu gelangen.  Alte religiöse Bräuche sind demnach „evolutionär“ modernen Techniken vorgeordnet. Dennoch haben sich eine Reihe alter magischer und religiöser Rituale und Feste erhalten, die weiterhin dazu dienen, dem Menschen nicht bloß religiöse Gefühle zu vermitteln, sondern ihnen auch Abwechslung im Alltag in oft heiterer Weise verschaffen. Auf all dies wird nun einzugehen sein.

Religiöse Rituale im bäuerlichen Leben - die Bedeutung der Hochzeit

Durch die Kirche wurden die wichtigen Ereignisse, die bestimmend für die bäuerliche Welt sind, abgesegnet.  Dazu gehörten Taufen, Hochzeiten und Begräbnisse.

Eine große Bedeutung hatten die Hochzeiten, denn die bäuerlichen Eheleute waren eine echte Arbeitsgemeinschaft, die für die Existenz des Bauernhofes von großer Wichtigkeit war. Dazu gehörte eben der Segen Gottes. War einmal jemand verheiratet, so blieb er es auch, denn dies ist im Sinne der heiligen Ordnung. Es war in der echten bäuerlichen Kultur so gut wie unvorstellbar, dass die verheirateten Bauersleute sich scheiden ließen. Eine Scheidung hätte Unordnung und große Probleme für alle gebracht.

Bäuerliche Ehen haben also Bestand. So ist es in Siebenbürgen heute noch.

Allerdings waren es nicht immer Liebensheiraten bei den Bauern, schließlich brauchte der Bauer eine Frau, die gescheit und umsichtig war, hart anzupacken wusste und Kinder gebar, denn der Hof musste weitergegeben werden. Die Bauersleute wussten, sie sind nur für eine Zeit Verwalter des Hofes. 

Ich sprach mit einem früheren Bauern über das Heiraten. Er erzählte mir heiter dies:

„Meist haben die Bauern ein reiches Bauernmensch, bei dem Geld war, geheiratet. Früher gab es Heiratsvermittler, die von Hof zu Hof gegangen sind. Die kannten sich gut aus. Man hat sie Bidler genannt, weil sie  zwei zusammen gebidelt (vielleicht von binden) haben. Die haben ein Geld dafür bekommen.  Der ,der einen Bauernhof gehabt hat, der hat sich leicht getan, der ist vielleicht zu einem anderen Bauern gegangen und hat gesagt: `Du, wie schaut es aus, ich hätte gerne deinige Tochter. Die gefällt mir`.  Der Bauer wird vielleicht gesagt haben: ´Na freilich, du warst mir recht. Du hast ja Besitz´. Besitz, das war ja etwas.  Die andern waren eh alle nichts. Der hat natürlich die bekommen, die er haben hat wollen.  Der Bidler, der Heiratsvermittler, war wichtig, wenn eine recht überstandig war, die sie nicht recht mögen haben.  Und wenn noch wo so ein Wittib (Wittwer) gegeben hat, so hat man die beiden zusammengebidelt“.  

Wenn es Spannungen zwischen den Bauersleuten hier und da gab, so schaute man, dass diese schnell beseitigt wurden, denn die Arbeit am Hof und auf dem Feld musste getan werden.  Jedenfalls war die Ehe durch Gott gesegnet und daher auch nicht auflösbar, was aber nicht heißt, dass man sich streng an eheliche Treuegebote hielt. Man sprach einfach nicht darüber, wenn Bauer oder Bäuerin das Gebot der Treue großzügig auslegten.

Religiöse Feste und Fröhlichkeit

Die echte und alte bäuerliche Kultur war eine harte Kultur, sie kannte keinen Urlaub im modernen Sinn, sie kannte nur ein Freisein von Arbeit, denn wenn Arbeit anfiel, so musste sie getan werden. Allerdings waren für die alten Bauern zumindest bei uns in Österreich eine Vielzahl von Feiertagen und Bauernfeiertagen typisch, an denen nur das Notwendigste im Stall, wie das Melken der Kühe, im Haus, wie die Bereitung der Mahlzeiten, oder am Hof, wie das Verscheuchen der Hühner aus dem Garten, getan wurde – und auch noch wird.

Die vielen Bauernfeiertage , in Barockzeitalter soll es bei uns bis 15O solcher freien Tage im Jahr gegeben haben , waren ein willkommener Ausgleich zur Last des Alltags. Sie ersetzten den Urlaub, denn an ihnen konnten  Knechte, Mägde und Holzknechte  sich von ihrer schweren Arbeit "zwischendurch" erholen. 

Der Begriff des Urlaubes als eine Zeit, in der man in andere Länder fährt, um sich vom Alltag zu erholen, war den alten Bauern bei uns und ist den landlerischen Bauern in Siebenbürgen heute noch fremd.  Dazu erzählte mir eine alte Bäuerin aus Oberösterreich, die als Bauerntochter aufwuchs: „Wir, mein Mann und ich, haben nie einen Urlaub gemacht. Wir waren auch nie gemeinsam länger weg. Früher haben sich die Leute auch gut unterhalten, wenn sie nicht weg gefahren sind. Man ist am Feiertag zu anderen Bauern gegangen und hat sich Geschichten erzählt oder man hat gemeinsam gesungen“.

Ähnlich ist es bei den Landlern, den aus Österreich stammenden Bauern in Siebenbürgen, heute noch. Man trifft sich an den Feiertagen gerne bei den Freunden der Nachbarschaft. An bestimmten Tagen der Woche gegen Abend ist es ein großes Zimmer im alten Gemeinschaftshaus von Großpold, das dazu dient, um sich im Singen vor allem für die Kirche zu üben. Ich nahm einige Male an solchen Runden teil.  Früher trafen sich Männer und Frauen an verschiedenen Tagen getrennt.  Jetzt jedoch, da schon viele Landler und Sachsen ihrem Heimatdorf den Rücken gekehrt haben und vor allem nach Deutschland ausgewandert sind, üben Frauen und Männer sich gemeinsam am Dienstagabend  im Gesang. Für gewöhnlich leitet einer der Bauern, bei meinen Besuchen war dies Andreas Pitter, das Beisammensein.

Um einen langen Tisch, an dessen Schmalseite Herr Pitter präsidiert, sitzen die Sangesfreudigen. Der erste Teil des Abends, der diesem überhaupt die Rechtfertigung gibt, gilt dem Proben der im kommenden sonntäglichen oder feiertäglichen Gottesdienste zu singenden religiösen Lieder. Immer wieder werden die Strophen wiederholt, um Schönes anbieten zu können. Man gibt sich Mühe und singt mit vollem Herzen. Nach ungefähr zwei Stunden wird diese ernste Art der Freizeitgestaltung beendet und man geht zum heiteren Teil über. Nun wird Wein, den einige der Herren von zuhause mitgenommen haben , in Gläsern kredenzt und alte deutsche Volkslieder , wie „Hoch auf dem gelben Wagen“ oder „Wohlauf die Luft geht frisch und rein“,werden gesungen. Man scherzt dabei, trinkt Wein und isst dazu Bäckereien oder bloß Brot. Man weiß also sehr wohl zu feiern, auch im Alltag, der hart erscheint, aber gewisse Phasen kennt, wie das gemeinsame zunächst religiöse Singen, die auch der Erholung und dem Scherz dienen.

Weihnachten und Weihrauch

Die bäuerliche Gemeinschaft kannte das gemeinsame Feiern ebenso wie das gemeinsame Durchführen diverser "heidnischer" Bräuche bei uns, so das Gehen mit dem Weihrauch zu Weihnachten, zur Jahreswende und zu Dreikönig durch Haus und Stall. Heute gibt es diese Bräuche noch, aber es fehlt an Knechten und Mägden, die den Bauern dabei begleiten.

Ein früherer Bauernknecht erinnert sich an das gemeinsame Weihnachtsfest bei einem Bauern um 1955. Auch hier ist es die Bescheidenheit, die das Fest adelt: "Den Heiligen Abend verbrachte ich beim Bauern. Meine Eltern suchte ich erst am  Christtag auf. Der Bauer wollte, dass wir alle gemeinsam feiern, die Bauern mit uns Dienstboten. Bei der Bescherung  erhielten wir alle eine Kleinigkeit, entweder ein Paar Schafwollsocken oder sonst etwas. Die besseren Knechte erhielten manchmal auch einen Anzug zum Kirchengehen oder genagelte Schuhe."

Kirchtage und Wallfahrten – der Kontakt zu den Mädchen

Die alte bäuerliche Welt war nicht bloß Welt der Langeweile und der braven Unterordnung, sondern auch eine des Feierns, des Witzes, der wilden Fröhlichkeit aber auch der verbotenen Lust – stets verbunden mit religiösen Festen, wie Ostern, Weihnachten, Hochzeiten, den Kirchtagen u.ä.     An manchen Tagen, bei gewissen Festen und am Abend im Gasthaus ging es heiter, aber bisweilen auch wild zu. Besonders eindrucksvoll hat das festliche bäuerliche Leben Pieter Breughel in seinen Bildern am  Beginn des 16. Jahrhunderts eingefangen. Auf diesen sieht man betrunkene Bauern mit prallbusigen Mägden sich im Kreis drehen. Es wird aus vollen Kannen getrunken und man langt ordentlich zu.

Heiteres Leben herrschte und herrscht an den Kirchtagen, also an den Tagen, an denen zur Erinnerung der Weihe der Ortskirche religiöse Feste gefeiert werden, mit denen sich allerhand Lustbarkeiten verbinden. Dorthin zogen und ziehen  bäuerlichen Leute, die Bauernburschen,  die Holzknechte, die Mädchen und anderes Volk.

Zu den Möglichkeiten für Burschen, mit Mädchen ins Gespräch zu kommen, gehörten die Besuche religiöser Veranstaltungen, wie der Maiandachten, der Marsch zur Kirche und Wallfahrten.  Ein alter Holzknecht erzählte mir, die Gatterburgkapelle, eine Kapelle in der Nähe von Spital am Pyhrn, zu der die jungen Leute zogen, um angeblich dort zu beten, sei geradezu eine Zeugungsanstalt gewesen. Dort fanden sich mitunter Burschen und Mädchen ein, nicht nur wegen des Gebetes, sondern auch wegen der Liebeslust.

Das Pfingstfest bei den Bauern in Siebenbürgen

Bei den landlerischen Bauern in Siebenbürgen, soweit sie noch nicht ausgewandert sind, ist es vor allem das Pfingstfest,  das Fest des Heiligen Geistes, welches in besonderer Weise gefeiert wird und bei dem es mitunter ausgelassen zugeht. Ich erlebte das Pfingstfest einige Male in Großpold. Das Pfingstfest dort ist ein ausgesprochen bäuerliches Fest. Es begann – vor der Auswanderung der jungen Leute -  damit,  dass  die jungen Männer   gemeinsam mit einem Pferdewagen in den Wald fahren,  um junge  Birkenbäume, Symbole des erwachenden Jahres, aus diesem zu holen. Bei  diesem  Pfingstfest  wurde in früheren  Zeiten  den  Mädchen aufgespielt.   Diese Kontaktnahme war ritualisiert. Die Burschen brachten Bäume in den Hof und das in diesem wohnende Mädchen oder die in diesem wohnenden  Mädchen servierte oder servierten Brötchen  und  guten Wein.  Dabei ergaben sich treffliche Gelegenheiten für  den Burschen, sich zunächst im Scherz dem auserwählten Mädchen zu nähern. Dieses  Pfingstfest in der alten Form gibt es wohl nicht  mehr,  aber dennoch wird es ähnlich gefeiert wie früher, und zwar von den jungen  Ausgewanderten, die sich in Grospold zu Pfingsten ein Stelldichein geben.

Litaneien und fromme Sprüche

Frömmigkeit bestimmte das bäuerliche Leben, in dem viel gebetet wurde, zu Mittag, am Abend, bei Bittprozessionen und in der Kirche. Besonders beliebt warn die Litaneien, in denen um alles mögliche gebetet wurde, wie um reiche Ernte, Schutz vor Gewitter und eine gute Ehe,  und in denen jede Bitte an Gott und die Heiligen mit dem Satz „Bitt für uns“ abgerundet wurde.

Bei den Landlern in Siebenbürgen als wahre Protestanten fehlen zwar viele Rituale, aber auch für sie ist das religiöse Leben, zu dem wesentlich der Pfarrer gehört, wichtig. Fromme Sprüche im Haus erinnern – anstelle des Kruzifixes bei uns - an die Allgegenwart Gottes und die Pflicht , sich an seine Gebote zu halten.  

Der Umgang mit dem Tod –  Begräbnis und „Leichenschmaus“

Die besondere Religiosität der Bauern zeigt sich schließlich beim Begräbnis.

Der Umgang mit dem Sterbenden gehörte und gehört zum Leben am Bauernhof. Typisch für die alte bäuerliche Kultur bei uns war es  , in Siebenbürgen ist es heute noch so, dass die Sterbenden grundsätzlich nicht in die Krankenhäuser verbannt werden und dass die Toten, die heute in die Aufbahrungshallen abgeschoben werden, nicht den Lebenden entzogen werden. Starb jemand im Haus bei uns im Gebirge, so wurde nicht nur der Doktor und der Pfarrer benachrichtigt, sondern einer aus der Familie trat auch den Weg zum Tischler, der auch Bestatter  war, an. Dieser ging in das Haus des Toten und nahm an ihm für den Sarg Maß.

Man bahrte den Toten drei Tage auf, meist in der guten Stube, aber auch im Schlafzimmer ,bevor man ihn zur  ewigen Ruhe auf den Friedhof brachte. Die Lebenden mußten sich also drei Tage noch mit den Toten auseinandersetzen. Man betete an jedem der drei Tage jeweils am Abend gemeinsam mit Freunden und Nachbarn in Anwesenheit des im Bett   manchmal vielleicht auch schon im Sarg   aufgebahrt liegenden Toten, sang Trauerlieder, aß nachher ein Stück Brot und trank dazu ein Glas Most, oder auch mehrere Gläser.

Man traf sich also beim Toten und fand offensichtlich nichts dabei, ordentlich zu trinken. Nach Erzählungen sollen manche Besucher dabei zu viel getrunken haben und dann "besoffen"  gewesen sein, was von den Trauernden jedoch nicht immer akzeptiert wurde. Eine alte Bäuerin fügte sogar hinzu: "Oft ist mehr gesoffen worden als gebetet."

Manche Bauernburschen sollen nur wegen der Menscher (Mädchen) gekommen sein. Jedenfalls gehörte und gehört die Aufbahrung der  bäuerlichen Toten zu einer uralten Kultur.

Darüber, wie der Tote oder die Tote aufgebahrt wurde, erfuhr ich von einem  Bauernsohn noch dieses: "Meine Großmutter ist noch aufgebahrt worden, das war 1949. Im Stübl ist die Tote gelegen. Im Sonntagsgewand und mit der Flügelhaube ist sie drinnen gelegen. Drei Abende ist fest gebetet worden". Ergänzend dazu schildert ein Bauer: "Beim Aufbahren des Toten in der schöneren Stube sind die beweglichen Möbel, der Tisch und die Sesseln, hinausgetragen worden. Die Bank und der Kasten sind drinnen geblieben. Auf d'Nacht ist dann gebetet worden. Aus hygienischen Gründen ist später das Aufbahren zu hause verboten worden.  Nach den drei Tagen der Aufbahrung ist der oder die Tote mit den Füßen voran hinausgetragen worden. An der Schwelle wurden drei Kreuze mit dem Sarg gemacht. Das ist alles sehr ernst genommen worden". Aber noch etwas ist wichtig, wie eine Bäuerin dartut: "Es heißt, wenn  der Tote vom Haus weggebracht worden ist, daß man das Bett, in dem einer gestorben ist, sofort abziehen und  verrücken muß. Tut man das nicht, so stirbt bald einer vom Haus.“  Magie beherrscht den Totenkult. Nach der Aufbahrung des Toten mußte sofort der vorige Zustand hergestellt werden, beziehungsweise die Position des Bettes durfte nicht mehr an den Toten erinnern, daher "verrückte" man es in magischer Weise.

Bei manchen Bauern teilte man es noch den Tieren im Stall und vor allem den Bienen mit, dass jemand aus der Bauernfamilie nun zum Friedhof getragen werde.

Eine tiefe Symbolik lag in dem allen, sie zeigte an , dass der Tote direkt aus seiner alten Welt   ohne Umweg über das Krankenhaus und eine sterile Aufbahrungshalle in eine andere gebracht wurde. Man war eigentlich als Anverwandter dauernd bis zur Grablegung mit dem Toten in engem Kontakt.

Ich sprach darüber mit dem heutigen Leichenbestatter , der ebenso wie seine Vorgänger ein Tischler ist. Er meinte, wenn heute jemand im Haus stirbt, dann würden die Anverwandten darauf achten, dass der Tote sofort von ihm, dem Leichenbestatter, aus dem Haus gebracht werde. Man sei froh, mit dem Toten nichts mehr zu tun zu haben und ihn nicht mehr aufbahren zu müssen. Er als Bestatter jedoch ,wie er mir versicherte, fordere die Angehörigen auf, den Toten noch einige Stunden bei sich im Haus zu behalten und bei ihm zu beten. Er selbst würde mitbeten. 

Mit dem Ritual der Aufbahrung , wie ich sie noch in Siebenbürgen finde, verbindet sich tiefe Frömmigkeit, für die Leben und Tod eins zu sein scheint. Die bäuerliche Kultur mit ihrer frommen Begegnung des Todes unterscheidet sich damit wesentlich von modernen Kultu­ren, in denen der Tote hinausgedrängt wurde aus dem Alltag des Menschen in die Leichenhallen der Krankenhäuser und Fried­höfe. Die Frömmigkeit des Menschen war also eng mit dem Tod verknüpft. Der Tote wurde nicht von den Lebenden ferngehal­ten, sogar die Kinder traten in Kontakt mit dem Toten. Sie lern­ten so den Tod als selbstverständlich begreifen. Der Tote wurde nicht den Lebenden entzogen, er blieb bis zur Beerdigung in sei­nem Haus bei seinen Verwandten, Nachbarn und Freunden, die es als natürlich empfanden, in seiner Anwesenheit zu essen und zu trinken. Most und Brot standen neben dem offenen Sarg und man langte tüchtig zu. Hier wird der Unterschied zu den moder­nen, rationalen und angeblich hygienischen Praktiken deutlich, die den Toten in die Gefrierboxen der Kühlräume der Kranken­häuser verbannen. Es haben sich eventuell neue Formen der Frömmigkeit entwickelt, jedoch die alte Frömmigkeit, für die der Tod stets anwesend war und die den Tod nicht verdrängen woll­te, verschwand grundsätzlich.

Eine Scheu vor dem Toten kennen die echten die Bauern nicht, man will ihn daher vor der Beerdigung nicht alleine lassen, er gehört weiter zur Gemeinschaft.

Der an das Begräbnis anschließende Leichenschmaus, wie man diese Zusammenkunft bei uns im Gebirge nennt und bei dem es zumeist Rindfleisch mit Semmelkren gibt, wandelte sich oft ins Heitere und man gedachte mit heiteren Wort des Toten. In Siebenbürgen bei den Landlern ist es das „Tränenbrot“, zu dem die Verwandten und engen Freunde des Toten eingeladen werden und welches auf einem schön gedeckten Tisch im Hof des Trauerhauses stattfindet.  Traditionell sind es Hühner , die von den Frauen für die Suppe und den Hauptgang zubereitet werden. Dazu gibt es guten Wein. Die Grabmacher, also jene Freunde, die das Grab schaufelten, erhalten einen Eimer Wein, der im Nachbarschaftskrug ihnen überreicht wird. Auch das Tränenbrot bringt die Leute bei freundlichem Gespräch zusammen und bereitet auf den künftigen Alltag ohne den Toten vor, der am Freidhof auf eine „fröhliche Wiederauferstehung“, die der Pfarrer wörtlich dem Toten wünscht, wartet.

Der Tod gehört bei den Bauern  zum Leben, er wird nicht ver­drängt, denn er garantierte den Übergang in ein "anderes Leben".

Der Forscher als Totengräber

Im Juni 2005, als ich wiederum in Großpold war, starb ein Bauer, Sam Roth hieß er. Nun fehlte es an den jungen Leuten, die für Grab und Begräbnis zuständig sind, denn diese sind ausgewandert und leben irgendwo in Deutschland. So wurden wir gefragt, ob wir nicht beim Grabschaufeln helfen könnten. Mit zwei Studenten, Konrad und Reinhard, ging ich nun daran, die Erde des Grabes im Freidhof, wie man hier den Friedhof nennt, auszuheben. Unter der Anleitung und Mitarbeit von Andreas Sonnleitner, einem Landler um die 64 Jahre alt,  begannen wir zu graben. Mit vier waagrechten Brettern, die sich gegenseitig stützen, wurde das Grab , in dem ein Mitglied der Familie Roth bereits 1917 begraben worden war, abgesichert. Abwechselnd gruben wir. Da ich ausgebildeter Urgeschichtler mit Grabungserfahrung bin, hatte ich keine Probleme beim Graben. Der letzte, der in die Grube stieg, war ich. Das Grab war bereits einen Meter achtzig tief. Eine Leiter wurde in das Grab gestellt, sie gab mir die Sicherheit, wieder herauszukommen. Ich fand noch einen Nagel vom letzten Sarg. Ich hob ihn auf, er ist heute in meiner Vitrine in meiner Wiener Wohnung zu sehen. Auf Geheiß von Andreas Sonnleitner, der selbst nicht in das Grab stieg, weil er an Platzangst leidet, wie er erzählte, glättete ich die Wände und den Boden des Grabes. Als ich dann aus dem Grab steigen wollte, fehlte die Leiter. Mein Student Konrad hatte sie aus Scherz aus dem Grab genommen. Ich bat höflich um die Leiter. Sie wurde wieder in das Grab gestellt, so konnte ich aus dem Grab in das Licht des Friedhofes  steigen. Wir, die Grabmacher, wurden nach alter Tradition zu einer heißen Suppe und einem Schluck Wein in die Friedhofshütte gebeten. Am Nachmittag suchten wir feierlich gekleidet die gute Stube des Bauernhauses der Familie Roth auf. Die Angehörigen saßen um den Sarg. Hinter ihnen nahmen wir, die Sargträger, Platz. Der Kirchenvater erschien und sagte in landlerischem Dialekt : „Grüss enk Gott, wir holen jetzt unsern liaben Bruader Sam zum Freidhof“. Die Angehörigen verließen die Stube. Wir, die Studenten und ich, trugen den Sarg in den Hof, wo schon der Pfarrer und die Sänger warten. Nach Gebet und Gesang zogen wir zum Friedhof. Dort war es unsere Aufgabe als Sargträger, den Sarg auf Seilen in das Grab zu lassen. Der Pfarrer wünschte nach einigen Gebeten eine „fröhliche Wiederauferstehung“. Dann ging es zum so genannten „Tränenbrot“ in das Haus der Roths. Die Familie, die Freunde und die Nachbarn, einige waren aus Deutschland gekommen, nahmen nun beim gemeinsamen Mahl, bei dem Hühnersuppe und guter Wein kredenzt wurd, Abschied vom Toten. Die kleine Welt des Dorfes hatte sich verändert. Auch für uns Grabmacher war gedeckt. Wir tranken zur Erinnerungen an den toten Bauern, der allen im Dorf abgehen wird, guten Großpoldner Wein.

Das Ritual am Friedhof ändert sich nun. Es werden Rumänen gebeten, beim Grabschaufeln zu helfen. Früher wäre dies nicht denkbar gewesen. Das erste Mal wurde im Jahre 2005 am deutschen Freidhof ein Rumäne, der mit einer Sächsin verheiratet war, begraben. Ich war beim Begräbnis anwesend. Der Pfarrer sprach in Deutsch und  Rumänisch. Eine alte Kultur wandelt sich.

Die Bauernregeln

Auf ein archaisch religiös-magisches Erbe zeigt sich bei den  Bauernregeln. Sie erinnern an die alten Orakel und Göttersprüche, bei denen der Eintritt eines bestimmten Ereignisses von einem anderen geradezu magisch abhängt.  Die alten Orakel waren daher meist in „Wenn“-form gehalten, wie : „Wenn du den Rubikon überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören“.  Ähnlich ist es bei den Bauernregeln, in denen es zum Beispiel heißt: „Weihnachten im Klee , Ostern im Schnee“. Also, wenn(!) zu Weihnachten schönes warmes Wetter ist, ist es zu Ostern kalt, es fällt der Schnee.

Das Anbrauchen Zaubersprüche

Wenn das Vieh krank war, glaubten die alten Bauern, es durch „Anbrauchen“ oder „Wenden“ heilen zu können. Bei diesem Anbrauchen oder Wenden wurden geheimnisvolle Rituale und Zauberformeln eingesetzt. Die bereits zitierten „Merseburger Zaubersprüche“ gehören zu diesen magischen Formeln, die gesprochen werden, um Tiere zu heilen. Mit dem Anbrauchen ist also wohl eine uralte Geschichte verbunden. Eine alte Bäuerin erzählte mir: „Wenn bei uns das Vieh krank gewesen ist, hat die Franzi, die alte Sennerin, angebraucht. Sie hat uns aber nicht verraten, wie sie es gemacht hat. Wir haben aber gesehen, dass sie zum Beispiel ein Schüpperl Haare von der kranken Kuh ausgerissen und unter die Dachtraufe gegeben hat. Dabei hat sie etwas gesprochen, das wir nicht gehört haben …“.

Auch mein Freund Erwin Degelsegger weiß von diesem Anbrauchen, um das Vieh zu heilen. Er erzählt: „Meine Großmutter hat immer angebraucht. Die hat das können.“ Als ich Erwin frage, ob er mir sagen könne, wie die Großmutter angebraucht habe, lächelt er schelmisch und meint bloß: „Das sage ich nicht!“ Die beim Anbrauchen verwendeten Sprüche und Rituale sind Geheimnisse, offenbar bis heute. Als ich Erwin fragte, ob das Anbrauchen seiner Großmutter auch etwas genutzt habe, antwortete er lächelnd: „Ja, freilich!“ Aber wie das ganze Ritual des Anbrauchens seiner Großmutter aussah, wollte er mir nicht mitteilen. Er deutet lediglich an, dass zum Beispiel ein Ochse, der nicht gehen wollte, durch das Anbrauchen nach ein paar Tagen wieder in das Fuhrwerk eingespannt werden konnte. Als ich meine, es würde sich dabei um Zaubereien handeln, entgegnet er geheimnisvoll: „Das ist keine Zauberei, sondern Tatsache.“ Erwin bleibt standhaft, er weiß sein Geheimnis zu wahren. Das imponiert mir. Erwin erzählt noch weiter über das Anbrauchen: „Auch ich konnte anbrauchen, ich habe es von meiner Großmutter gelernt. Wenn zum Beispiel so ein Vieh ganz weiß im Auge gewesen ist, habe ich angebraucht. Nach drei, vier Tagen konnte das Vieh wieder sehen. Oder wenn die Kugel aus dem Gelenk gegangen ist, wenn es sich verspießt hat, hat man angebraucht. In ein paar Tagen ist das Vieh wieder gegangen. Wenn heute das Vieh so etwas hat, kommt es zum Fleischhacker. Meine Tochter Gaby hat als Baby einen Nabelbruch gehabt, der Doktor hat gesagt, erst mit zwei Jahren kann man das operieren. Der Hotzen, ein Bauer, ist gekommen und hat angebraucht. Der Nabelbruch ist ohne Operieren zurückgegangen.“

Über das Anbrauchen und ähnliche Heilmethoden sprach ich auch mit Frau Ida Bankler, einer Bäuerin aus St. Pankraz. Sie erzählt mir: „Mein Vater hat Warzen angebraucht. Die Bauern haben ihn geholt, wenn eine Kuh am Euter Warzen hatte. Er hat den Kühen und Kalbinnen über den Rücken gestrichen und hat etwas gebetet dazu. Was er gebetet hat, das hat er niemanden erzählt. Er hat gesagt, wenn er den Spruch weiter sagt, hilft er nicht mehr. Die Warzen sind daraufhin nach einiger Zeit ohne zu bluten abgefallen. Der Großvater hat mehr gewusst, er konnte auch Beineinrichten. Wenn sich ein Viech auf der Weide einen Fuß verstaucht oder verrenkt hat, so konnte er ihn noch einrichten. Dafür hat er eine Salbe gemacht. Von der weiß ich aber kein Rezept. Er hat nichts aufgeschrieben. Es war eine schwarze Schmier, die hat er auf ein Pflaster geschmiert. Ein blauer Lehm, der war auch gut für Gelenksverletzungen und Verstauchungen, auch für Menschen. Den blauen Lehm hat man mit einem warmen Essig zu einem Teig gemacht. Diesen hat man dann auf einen Leinenfetzen gegeben und diesen hat man dem Vieh aufgelegt. Diesen blauen Lehm gibt es nicht überall, in der Pießling gibt es ihn.“

Zum Anbrauchen erzählt Frau Bankler noch: „Zum Anbrauchen von Warzen hat mein Vater nur das Geburtsdatum und den Namen gebraucht. Mein Mann kann das auch. Bei abnehmendem Mond, an einem Freitag am Nachmittag kann man Warzen anbrauchen. Manche Warzen gehen schnell weg, manche langsamer. Aber es wirkt, auch bei den Menschen. Viel mehr weiß ich nicht mehr. Mein Großvater hat viel gewusst, aber er hat es niemandem erzählt. Er hat nichts aufgeschrieben. Ich habe nachgeschaut, aber nichts gefunden.“

In einem alten Heft der Zeitschrift „Das Waldviertel“ aus dem Jahre 1979 las ich auf Seite 25 einen aus der Feder von Herrn Franz Seibezeder stammenden Aufsatz mit dem Titel „Das Wenden“. In diesem fand ich allerdings eine genaue Beschreibung eines Vorganges des Wendens oder Anbrauchens. Der Autor schreibt: „… In meiner Jugendzeit verbrachte ich öfters einige Wochen meiner Schulferien bei der Schwester meines Vaters, Frau Marie Bauer, Landwirtin in Zettenreith. Meine Tante war weit und breit als Wenderin bekannt und wegen ihrer – unbestreitbar zugegebenen – Erfolge auch viel gefragt. Ich bekam im Alter von acht Jahren direkt am Knöchel meines rechten Fußes eine Warze, die immer größer und größer wurde, derart, dass ich an diesem Fuß wegen unerträglicher Schmerzen, kaum mehr einen Schuh anziehen konnte. Meine Tante fragte mich nun, ob sie mich – falls ich fest daran glaube – durch Wenden von der Warze befreien solle. Ich dachte mir: hilft es nicht, schadet es nicht und sagte (innerlich etwas skeptisch) nach außen freudig ja. Von diesem Zeitpunkt an war ich der ausgesprochene Liebling meiner Tante. Meine Tante machte nun in einen weißen Zwirnfaden über der Warze einen Knopf und sprach dabei folgenden Wendspruch:

Was ich anschau, soll größer werden.

Was ich angreif, soll kleiner werden.

Zwirnfaden flieg weg.

Und Warze geh auch weg.

Dazu helfe Gott der Vater.

Dazu helfe Gott der Sohn.

Dazu helfe Gott der heilige Geist!

Dann musste ich drei Vaterunser für den heiligen Wendelin und auch für den heiligen Leonhard laut sprechen und während des Betens gingen wir zur Dachtraufe unter der der Zwirnfaden vergraben wurde. Keinesfalls durfte ich – nach ihrer ausdrücklichen Weisung das Wort ‚AMEN’ im Gebet verwenden, weil sonst der ganze Vorgang des Wendens nutzlos gewesen wäre. (Amen bedeutet beim Vorgang des Wendens ‚das Ende’ also den Tod)! Nun erklärte mir meine Tante, dass mit dem Verfaulen des Zwirnfadens im gleichen Zeitraum die Größe der Warze zurückgehen werden und, wenn vom Zwirnfaden nichts mehr vorhanden ist, auch die Warze verschwunden sein wird. Jetzt muß ich ehrlich sagen, so war es auch! Nach etwa drei bis vier Monaten war die Warze auf unerklärliche Weise weg. Ich grub dann unter der Dachtraufe nach – auch vom Zwirnfaden fand ich keine Spur mehr

Wer nicht daran glaubt, soll über diese Volksmedizin lächeln – ich glaube seither daran.“

Interessant ist in diesem Bericht der Hinweis auf den heiligen Leonhard. Dieser Heilige ist der Schutzpatron des Zugviehs. Daher finden sich in bäuerlichen Gegenden wie im niederösterreichischen Mostviertel, in Südtirol – Andreas Hofer stammt aus St. Leonhard im Passeiertal – oder in Oberösterreich häufig Orte, die sich auf den heiligen Leonhard beziehen. Zu diesen wallfahren bis heute Bauern, um für ihr Zugtiere, die Ochsen und Pferde, aber auch für ihre Kühe zu beten. Ich fahre jedes Jahr zumindest einmal nach St. Leonhard im Wald, bei Waidhofen an der Ybbs. Von dieser alten, schönen gotischen Kirche habe ich einen herrlich Blick in das Voralpenland von Niederösterreich. Es ist interessant, dass dieses St. Leonhard auch der Wallfahrtsort der Wiener Fiakerfahrer ist. Da sich die Wiener Taxifahrer als Nachfolger der Fiakerfahrer sehen, pilgern auch diese zum heiligen Leonhard dorthin. Wallfahrten dieser Art, die auf vorchristlichen Traditionen aufbauen, haben auch so etwas wie Magie an sich. Sie passen gut in den Bereich des Anbrauchens oder Wendens.

Über das Anbrauchen erzählt mir auch der Tierarzt Dr. Willi Lechner aus Molln:

„Diese Geißlingskoglerin hat Warzen angebraucht. Ich habe an der Fingerkuppe die ganze Zeit so ein Geschwür gehabt. Beim Arbeiten ist das immer blutig geworden. Ich war bei ihr. Sie hat mein Geburtsdatum aufgeschrieben. Einen Monat später waren die Warzen weg. Der Bruderhoferhüttensohn von Hinterstoder hat auch viele Warzen gehabt. Das kam so: es waren Burschen bei ihm, alle haben recht gesoffen und haben eine Gaudi gehabt. Einer der Burschen hat gesagt: ‚Jetzt bekommst du fünfzig Warzen.’ Einen Monat später hat er wirklich im Gesicht lauter Warzen gehabt.

Bei den Viechern haben sie auch angebraucht, zum Beispiel wenn auf dem Euter Warzen waren. Bei Vollmond haben sie mit ihren Zweigerln die Warzen angebraucht.

Genaueres weiß ich nicht. Bei vielen hat es geholfen, bei mir hat es geholfen. Die Anbraucher lassen einen beim Anbrauchen nicht zuschauen. Die Euterwarzen waren ein Problem, sie haben das Melken behindert, da beim Melken die Warzen aufgehen und Blut aus ihnen rinnt. Daher musste man die Euterwarzen weg bringen, dies geschah durch Anbrauchen. In Molln gab es zwei oder drei Leute, die konnten das, sie erzählten aber nicht, wie es funktioniert.“

Dass das Anbrauchen bis in letzter Zeit bei den Bauern Bedeutung gehabt haben muss, schließe ich aus einem Gespräch mit Herrn Dr. Orator. Er erzählt: „Ich war einmal bei einem Bauern bei einer Geburt. Das Kalbl haben sie nach der Geburt ins Stroh gelegt und abgerieben. Ich sag zu denen, die das Kalbl abgerieben haben: ‚Tut ihr es wenden!’ Ich meinte, sie sollen es auf die andere Seite legen. Darauf sagt die Bäuerin: ‚Halten Sie auch etwas vom Wenden?’ Die Bäuerin hat mich da falsch verstanden, ich meinte nicht wenden im Sinne von anbrauchen oder zaubern. Ich habe gesehen, wie ich in der Achtung der Bäuerin plötzlich gestiegen bin. Ich habe ihr aber dann gesagt: ‚ich meine umdrehen!’ Beim Wenden oder Anbrauchen sind die Bauern um die Viecher herumgegangen und haben ‚ababaraj´kbabak’ oder solche Sachen gesagt. Dieses Anbrauchen war sehr wichtig nach der Geburt. Sicher haben sie auch vor der Geburt Ähnliches gesagt.“

Dr. Orator hält noch etwas fest, das bis in die letzte Zeit bei manchen Bauern üblich gewesen ist: „Was die Bauern gerne gemacht haben, war das Einziehen der Sau. Dabei wurde eine Schöllwurzel eingezogen. Das heißt, das Ohr wurde durchgestochen und durch dieses dann eine Schöllwurzel durchgezogen. Zwei oder drei Tage später hat die Sau ein rotes Ohrwaschel bekommen, es war hoch entzündet. Die Schöllwurzel ist rausgeflogen und die Sau hat ein Loch im Ohr gehabt. Es hat eine große reaktive Entzündung hervorgerufen. Anscheinend wurden dadurch die Abwehrkräfte angeheizt. Bevor es Antibiotika gegeben hat, hat das viel geholfen.“

Strategien und Magie der Wildschützen

Die alten Wildschützen waren nicht nur gute Bergsteiger, sondern sie kannten auf Grund ihrer eigenen Erfahrung und der ihrer Vorläufer auch die besten Strategien, um mit Erfolg zu wildern. Bemerkenswert ist, dass Wildern auch stets mit Magie verbunden war. Übrigens ist es charakteristisch für Randkulturen, dass sie zu magischem Handeln neigen, wie Handlesen, Zaubersprüche und ähnliches. So beschreibt der Jagdschriftsteller Arthur Achleithner 1915 diverse magische Aktivitäten von Wildschützen und ihren Beitrag zur Volksmedizin im Ennstal : hatte ein Bergbauer im November ein freudiges Familienereignis zu erwarten und hatte die Bäuerin Schwierigkeiten bei der Geburt, so bat der Bauer einen befreundeten Wilderer so schnell wie möglich einen brunftigen Gamsbock zu schießen. Hatte er einen solchen erlegt, wurde dessen „Brunftrose“ ausgeschnitten und der Gebärenden in die Hand gegeben. Dazu musste sie fleißig Honig essen und Heidelbeerschnaps trinken.   Die Geburt würde dann leicht sein. Vielbegehrt bei den Mädchen, die an Zahnschmerzen litten, war die von einem Wilderer ausgeschossene Bleikugel, die durch ein Wild gegangen ist. Diese Kugel legte das Mädchen unter die Zunge, worauf die Schmerzen sich verflüchtigten. War der Wildschütz jung und hübsch, so sollen seine Küsse ähnliches bewirkt haben.

In dem Buch „Die Altausseer“ von Ferdinand von Andrian erzählt dieser vom Ansehen der Wilderer bei den kleinen Leuten und seinem Pirschgang, der, um erfolgreich zu sein, geradezu mit magischen Ritualen verbunden ist: “Der Ehrgeiz als schneidiger frischer Bua zu gelten, und unbezähmbare Jagdlust wirken als Anreiz zu diesem streng geahndeten Sport, welchen die Bevölkerung (!) niemals als Diebstahl betrachtet hat. Wie das ´frischnen´ (? – wahrscheinlich : bereit machen) des Gewehres und das Giessen der Kugeln am Karfreitag stattfindet, ist der gebräuchlichste Tag für das unerlaubte Waidwerk der Freitag. Entweder schon am Vorabend oder zur frühesten Morgenstunde bricht der Schütze auf, ausgerüstet mit kleinem Mundvorrat an Brot, Speck und Schnaps und einer zerlegten (!) Kugelbüchse. In ihrem Schaft ist ein geweihtes (!) Palmkätzchen und Wurzelwerk eingeschlossen. Nachdem er ins Freie getreten, betet er entblößten Hauptes fünf Vaterunser. Gestatten es die Umstände, so wohnt er tags zuvor einer Messe bei und betet den ´Grausn-Segen´. Dieser lautet: Ò mein Jesus, ich glaube , dass den Teufel jederzeit ein Grausn angeht, wann ich deinen heiligen Namen Jesu nenne; und nicht allein den Teufel, sondern alle bösen Geister , die im Himmel und auf Erden schweben, ein Grausn angeht.  Dazu hilf mir Gott, der Vater, Gott der Sohn und Gott der heilige Geist. Amen´. ... Der Wildschütz stattet sein Gewehr zur Erhöhung der Schussfestigkeit mit Amuletten aus. Er hat es nicht gern, wenn jemand mit dem Finger die Mündung des Laufes auswischt. Ein bisschen dahin gebrachtes Ohrenschmalz hebt die Treffsicherheit nahezu auf. Andererseits glaubt er an die Treffsicherheit von verzauberten Kugeln. Diese jedoch müssen zur Mitternacht des Tages der Ladung auf étwas von Fleisch und Blut´ abgeschossen werden , sonst geht der Schuss auf den Jäger selbst und überliefert ihn dem Teufel. In einer solchen Gefahr schoss einst der Grundlseer Schütze Kriag Louis vom Lammersberge aus auf die Mariensäule bei dem Kirchlein von St. Leonhard und war gerettet“.   Und über den Pirschgang des Wilderers , zu dem auch Aberglauben gehört, erzählt Herr von Andrian weiter: “Rüstigen Schrittes benutzt der Wilderer die Dunkelheit, um seinem Ziel möglichst ungesehen nahe zu kommen. Haben sich mehrere verabredet, so treffen sie sich an einem vereinbarten Platz. Bei Tagesanbruch schwärzt (!) der Schütz das Gesicht mit Pulver und legt einen falschen Bart an. Um auch gegen etwaiges Erkennen durch ein Fernrohr geschützt zu sein, zieht er über die Lederhose eine alte Zeughose. Der Rock wird umgestülpt , desgleichen der Hut.... Die rasche Erlegung eines Wildes ist Glücksache. Begegnet der Wildbratschütz einer Maus, wird er nichts erlegen. Stoßt ihm ein Hase auf, so bedeutet dies Unglück.“  Dem echten Wildschütz, dies weiß auch Herr von Andrian, ist es wichtig, dem Jäger zu entkommen und nur im Notfall zu stellen :“Es werden mit Anspannung aller Kräfte (vom Wildschütz) halsbrecherische Aufstiege unternommen, um den Jägern zu entkommen.  Ist jedoch eine Begegnung unvermeidlich, sei es, das weder Klettern noch Abspringen möglich ist oder dass der Schütz belauert wurde, wie es meistens geschieht, so betet er seinen Grausn-Segen und macht sich zu einer Schlägerei bereit, in welcher die Bergstecken eine hervorragende Rolle spielen. Es setzt da wohl ernste Verwundungen ab ... durch den Graus-Segen soll der Jäger ganz harmlos werden und den Wildschützen laufen lassen.“ 

Die mit dem Wildern verbundene Magie hat eine alte Geschichte. Zu ihr gehört auch der Glaube, wie ich einmal erfahren habe, dass eine geweihte Hostie, die der Wildschütz mit sich führt, ihn unverwundbar mache. Die Kugel eines Jägers habe demnach keine Chance, den Wildschütz zu verletzen. Zu einer geweihten Hostie kamen Wildschützen dadurch, dass sie , wenn  sie im Gottesdienst zur Kommunion gingen, die Hostie sofort aus dem Mund nahmen und sie bei sich bargen.

Religion und Magie bei den Bauern

Religiöse und magische Praktiken bestimmten und bestimmen zum Teil noch das bäuerliche Leben. Trotz modernen rationalen Denkens haben sich noch alte zum Teil magische Rituale erhalten.

Am bäuerlichen Hof betete man heute noch immer, wenn unerklärliche Probleme auftauchen, zu einem Heiligen oder man holt den Pfarrer, der Haus, Hof oder Stall mit Weihrauch oder Weihwasser segnet.  Dazu erzählte mir mein alter Freund Erwin Degelsegger aus Spital am Pyhrn, ein früherer Holzknecht, eine lustige Geschichte, die allerdings aus den fünfziger Jahren stammt,  von einem Stier, der zu faul war, um eine Kuh zu schwängern. Der Bauer, dem der Stier gehörte, meinte, der Stall müsse verhext sein, und bat den Pfarrer, den Stall  mit Weihwasser auszusprengen. Der Pfarrer kam mit dem Weihwasser zum Stall. Der Bauer stand mit Familie dabei, während der Pfarrer den Stall mit Weihwasser aussprengte. Nach einigen Wochen traf der Pfarrer den Bauern und fragte ihn, ob die Kuh trächtig geworden ist. Darauf  meinte der Bauer: „Die Kuh ist Gott sei Dank trächtig  geworden, aber die Tochter hat auch ein paar Spritzer abbekommen“.

Literatur:

Roland Girtler, Echte Bauern – Der Zauber einer alten Kultur, Wien 2002

Roland Girtler, Holt’s den Viechdoktor!  - Die abenteuerliche Welt der alten Landtierärzte, Wien 2009