3b - Das einzige Mädchen in der alten Klosterschule um 1910

  Vor einiger Zeit erhielt ich von Frau Hilke Sint, einer bekannten Künstlerin, diesen spannenden Brief, in dem geschildert wird, wie ein Mädchen um 1910 die Klosterschule von Kremsmünster, in der seit altersher bis gegen Ende des 20. Jahrhunderts nur Burschen unterrichtet wurden, besuchte und auf Distanz zu ihren männlichen Mitschülern gehalten wurde: 

 

(An:)

Univ. Prof. Dr. Roland Girtler                                         

                                                                     

                                                                     Wien im Juli 1919

                                                                          Hilke Sint

                                                                     Dreiständeg. 2/2/5

                                                                          1230 Wien

 

Sehr geehrter Herr Professor !

 

Ihr letzter Streifzug in der Sonntagskrone führte mich zurück in meine Kindheit und Jugend, die ich im Salzkammergut verlebte und die mich an etwas erinnerte, was mein späterer  Schwiegervater (Kremsmünsterer, Maturajahrgang 1914/15) oft erzählte:

 

Die hatten damals in der 8. Klasse eine externe Mitschülerin. 

Diese musste alleine in der ersten Bank direkt vor dem Katheder sitzen – sie betrat mit dem Professor die Klasse  und verließ es mit ihm, verbrachte alle Pausen im Lehrerzimmer  und wurde nach dem Unterricht bis zum Schultor geleitet.

Kleidervorschrift: hochgeschlossen, langärmelig, knöchellang, und zum Leidwesen der Schüler war es untersagt, mit ihr zu sprechen. 

                                 

Aber wenn ich an das vergnügte Schmunzeln meines Schwiegervaters denke, dürfte es da einige Schlupflöcher

gegeben haben.

 

Ich freue mich auf Ihren nächsten Streifzug und wünsche Ihnen alles Gute.                   

                                                 Hilke Sint


  Hier ist der Originalbrief der  lieben Frau Hilke Sint: