Die Heimat der Vagabunden und Vertriebenen

nebst Gedanken zu den  Xenoi und Barbaroi  (Zuwanderern und Eindringlingen)

  

Die Weltgeschichte ist auch eine Geschichte des Wanderns, Vertreibens und Flüchtens von Menschen aus ihrer Heimat und eine Geschichte des Suchens nach Heimat. Diese Geschichte des Suchens nach Heimat ist charakteristisch für Vagabunden und Vertriebene gleichermaßen. Der Vagabund – hier in einem weiten Sinn gemeint - sucht eine neue Heimat, weil ihn die alte enttäuscht hat, weil er mit dem Leben in dieser alten Heimat unzufrieden ist oder weil er wenige Chancen in dieser für sich sieht.  Er vermag jedoch, wenn er es will, wieder in die alte Heimat –ein ganzes Land, eine Stadt, ein Dorf oder ein bloßes Haus - zurückzukehren. Ich werde dabei beispielhaft auf die so genannten Sandler in Wien, wie man hier die obdachlosen Nichtsesshaften nennt, eingehen, aber auch auf vagabundierende Heimatdichter und herumziehende Wissenschafter, die es schon im Mittelalter gegeben hat.

Im Gegensatz zum Vagabunden besitzt der Vertriebene grundsätzlich keine Möglichkeit der Rückkehr in seine alte Heimat.  An diese Betrachtungen anschließend will ich den Unterschied zwischen „xenos“ und „barbaros“ im Sinne von „Zuwanderer“ und „Eindringlichkeit“ diskutieren.


Gedanken zum Begriff Heimat 

Heimat ist ein weiter Begriff, er hat etwas mit Freiheit, Wohlbefinden und Sicherheit zu tun.  In diesem Sinn versteht sich wohl der  Cicero zugeschriebene Spruch : „Patria  est ubicumque est bene“. Also: das Vaterland – oder die Heimat – ist überall dort, wo es mir gut geht“, also, wo ich mich wohl fühle. Es kann  daher für jemanden auch  mehrere Heimaten oder Vaterländer geben. Heimat  hat aber auch etwas mit Grenze zu tun, hinter die man sich zurückziehen kann, hinter der man Schutz findet. Eine solche Heimat kann ein Dorf sein, in dem die dort lebenden Menschen wissen, dass sie in schwierigen Lebenssituationen nicht verlassen sind. Heimat bietet auch Freiheit. Daher wurde der Spruch von Cicero nach der Revolution von 1848 von dem aus Deutschland nach den USA geflohenen späteren amerikanischen Innenminister Carl Schurz in „Ubi libertas,ibi patria“ umformuliert. 

Grundsätzlich gibt es also, so sehe ich es, zwei Formen oder Typen von Heimat.

Einmal die Heimat , die ganz allgemein Zufriedenheit und Glück verspricht, ohne an einen bestimmten Ort oder eine Kultur gebunden zu sein.  Es ist jene Heimat, auf deren Suche Vertriebene, Flüchtlinge und Gedemütigte sind. Zu letzteren gehören nicht nur Sandler oder Pennbrüder, wie man sie in Deutschland nennt, sondern auch die alten Bauernknechte, die ich noch kennen gelernt habe.  So meinte ein früherer Bauernknecht zu mir, dass er,  obwohl er  Quartier und Kost auf einem Bauernhofe hatte, er sich auf diesem nicht "daheim" gefühlt habe. Eine Heimat erhielt er erst, als er zu einem kleinen Bauernhof "zuwi" (hinzu) heiratete, er also eine verwitwete Bäuerin heiratete. Nun konnte er sich zurückziehen und mit seiner Frau in einem eigenen Heim ohne Kontrolle des gestrengen Dienstherrn Zufriedenheit finden. Heimat bedeutet hier  soviel wie "stilles Glück", Selbstbestimmung oder einfach: eine Ruhe von den Drangsalen anderer Leute und überhaupt des Alltags.    

Die zweite Form der Heimat bedeutet soviel wie Zurückerinnern an "bessere", schönere Zeiten und Orte. Darauf verweist das Wort Nostalgie. Im Altgriechischen heißt "nostein"  "heimkehren" und "algein" "sehnen". Einer, der während seinen Fahrten die Heimat suchte, war Odysseus. Er wollte zurück nach Ithaka. Als er endlich dort war, erkannte ihn, der als Bettler verkleidet erschien, niemand außer sein Hund, der Argos. Der Hund ist ein schönes Symbol für Heimat, ein altes Bauernwort sagt, der Hahn und Hund gehören zum Hof. Der Hund symbolisiert somit den heimatlichen Ort, dasZiel der Sehnsucht, zu dem Odysseus als Heimkehrender zurückkehrt. 

Diese Heimat, an die man sich zurückerinnert,  ist sowohl für den Vagabunden als auch für den Vertriebenen wichtig. Beide neigen dazu, ihre alte Heimat zu romantisieren. Es ist daher interessant, dass Heimatlieder nicht selten von Leuten gedichtet wurden, die vertrieben wurden oder vagabundierten. 

1. Die Heimat der Vagabunden 

Unter Vagabunden verstehe ich im Folgenden sehr allgemein Menschen, die stets auf der Suche nach neuen Ufern sind, die kein festes Zuhause haben, für die die Straße oder gewisse Plätze der Städte  die Heimat ist und die wissen, dass sie, wenn man sie nicht will, weiterziehen werden, zu einer neuen Heimat. Ganz im Sinne des Matthäusevangeliums, in dem Christus zu den Aposteln sagt: wenn ihr in ein Haus kommt und man euch in diesem nicht will,  dann schüttelt ab den Staub von euren Füssen und geht. Zu den Vagabunden zählen im weitesten Sinn auch Wissenschaftler, die ihre Heimat verlassen haben, weil sie keine Möglichkeiten des Forschens für sich sehen. Sie nehmen das Abenteuer einer neuen Welt auf sich und vermögen zu großen Wissenschaftern zu werden. Ihre Sehnsucht bleibt mitunter weiterhin ihre alte Heimat, ähnlich wie für so manchen Vagabunden, der seine Heimat aufgab, weil er in dieser zu leiden hatte, wie eben die zu beschreibenden Sandler Wiens,  obdachlosen Nichtsesshaften.

Für die echten Sesshaften waren und sind Vagabunden aller Art stets verdächtig, da sie als angeblich Heimatlose schwer einzuordnen sind. Die Geschichte der Vagabunden ist uralt. Die Straßen waren voll mit ihnen. Zu ihnen gehörten:   Akrobaten, Bettler, Deserteure, Diebe, fahrende Schüler und Studenten, Gauner, Hausierer, Dirnen, Kesselflicker, Landstreicher, Schausteller, Scherenschleifer, Spielleute, Tippelbrüder, Walzbrüder, Zigeuner und anderes Volk. Die heutigen Sandler oder Pennbrüder, wie man sie in Deutschland nennt, befinden sich in der Tradition dieser frühen Wanderer, dies zeigt sich vor allem in ihrer Sprache, dem Rotwelsch, wie ich kurz skizzieren werde, die weit in das Mittelalter zurückreicht.


Die Sandler – die obdachlosen Vagabunden der Großstadt

Bei Sandlern   handelt es sich um Menschen, hauptsächlich sind es Männer, die aus Resignation oder persönlichen Schwierigkeiten, wie nach Gefängnisaufenthalten oder familiären Konflikten , Kontakte zu Leuten suchen, die ähnliche Probleme wie sie haben.  Ihre alte Heimat haben sie verlassen, um in der Anonymität der Großstädte  unterzutauchen. In dieser Anonymität hoffen Sandler eine Heimat zu finden, in der sie unbehelligt von Demütigungen gemeinsam mit Schicksalsgenossen  zu überleben vermögen. Sandler leben in einer Art Rückzugskultur, viele von ihnen sind doppelt Gescheiterte: sowohl in der normalen Welt als auch in der Welt der Kriminalität.

Bei meine Forschungen unter den Sandlern Wiens traf ich mich mit diesen Leuten in den Bahnhöfen, in Parks und auf öffentlichen Plätzen Wiens, also überall dort, wo sie herumlungern, grosse Reden führen und Bier oder Schnaps trinken. Mein Interesse am Leben dieser Leute stammt aus meiner Studentenzeit, als ich auf dem Wiener Naschmark mein Geld verdient habe.  Jahre später studierte ich diese Randkultur der Sandler oder Stadtstreicher.  Ich erfuhr, wie sie zu einer guten „Klostersuppe“ kommen, in welchen Abbruchhäusern sie übernachten können und vieles mehr. Dabei sah ich, dass diese Menschen tatsächlich eine alte Kultur besitzen.  Dies wurde mir so richtig bewusst, als ich einen Sandler fragte, was er am Nachmittag zu tun gedenke. Er antwortete mir, er wolle jemandem die "Rippe eindrücken". Ich fragte, was dies bedeute. Er erklärte mir, er habe die Absicht, freundliche Menschen zu bitten, ihm etwas Geld für ein Bier zu geben. Die "Rippe eindrücken" heisse also soviel wie "betteln". Da ich aber keine Beziehung zwischen "Rippe" und "betteln" herstellen konnte, schaute ich in alten Rotwelschbüchern, den Gaunerwörterbüchern,  nach. Das Wort Rotwelsch leitet sich übrigens von „rot“ für gefährlich oder verdächtig und vom althochdeutschen  „waliska“ ab, das soviel heißt wie „anders sprechen“.  In dem berühmten "Liber Vagatorum", dem Buch der Vaganten,  das um 1500 in der Nähe von Nürnberg erschienen ist, fand ich das Wort "ripar", das  soviel heißt wie "Seckel“ , also "Geldtasche".  Wenn ein Sandler  jemandem "die Rippe eindrücken" will, will er ihn also nicht verletzen, sondern will, dass er ihm aus seiner Geldtasche etwas abgibt.  Im Laufe meiner Forschungen, die ich am Wiener Westbahnhof begann, sah ich, dass eine Vielzahl von Wörter, die Sandler heute noch verwenden, weit in das Mittelalter zurückreichen. Mit der Gaunersprache, wie ich sie bei Sandlern und Ganoven hörte, ist also eine alte Kultur verbunden, deren Wissen zum Leben in der neuen Heimat wichtig ist. Hier einige Beispiele aus dieser Sprache:

Stranzenstat sein – kein Quartier haben

Hackenstat sein – keine Arbeit haben

Kimmler – schlechter Mensche

Acheln (jidd.) – essen

Fuchsene Schah – goldene Uhr

Bär, Janker – Geldschrank

Brüller – Brillantring

Koberer – Wirt (Bordellwirt)

Flepn – Ausweis

In die Hackn gehen – auf den Strich gegen, oder : Einbruch begehen.

Diese Sprache zeigt, dass eine spannende Kultur mit den Vagabunden der Stadt verbunden ist. Ich kam schließlich auch dahinter, dass gewisse Tricks der Vagabunden der Großstadt, wie sie heute noch verwendet werden , bereits im „Liber Vagatorum“ beschrieben sind.

Ein großes Problem für den Sandler ist es, mit Erniedrigungen und vor allem mit dem Vorwurf , faul und arbeitsscheu zu sein, fertig zu werden.     Eine Strategie ist, sich als jemand zu präsentieren, der mit einiger Würde  Arbeit ablehnt, der also eine noble Distanz zur Arbeit hat. Wer diese Ironisierung der Arbeit beherrscht, kann mit einiger Hochachtung auch durch seine Kollegen rechnen, er hat Ehre. So meinte ein Sandler zu mir ,als ich ihn fragte, wo er arbeiten würde: "Bei der Firma Lahntana!" Und als ich fragte, was dies heißen würde, meinte er: "Hier lehnt einer und dort lehnt einer". Das Stigma des Arbeitsscheuen  wird hier also als durchaus positiv gedeutet.

Sandler suchen also, dies wollte ich hier aufzeigen, nach Schicksalsschlägen und allerhand persönlichen Problemen, zu denen auch Alkoholanhängigkeit gehört, in der Anonymität und damit im Schutz der Großstadt so etwas wie Heimat zu finden.

Lieder von Vagabunden – die Weite der Heimat

Mit dem Leben als Vagabund, der auf der dauernden Suche nach Heimat ist, wird mitunter auch die Vorstellung von Freiheit verbunden.  Der Vagabund erscheint in manchen Liedern und in der Literatur nicht nur als jemand, der Mühsal erlebt hat, sondern auch als jemand, der sich nicht um die alltäglichen Zwänge, unter denen der „brave Bürger“ zu leiden hat,  kümmert. Dieses Leben in einer angeblichen Freiheit fasziniert schon seit dem Mittelalter Studenten und Dichter.

Ein gutes Beispiel dafür sind die berühmte "Carmina Burana", einer im Kloster Benediktbeuern 1803 aufgefundenen Sammlung von Liedern aus dem 12. Jahrhundrert, die von trinkfreudigen und heiteren Vaganten,zu denen vor allem verbummelte Studenten und arbeitslose Magistri gehören, stammen. Ihre Heimat war die Landstraße. Ihr Leben spielte auf den Landstrassen und ihre ganze Sorge galt, wie ihre Lieder zeigen, dem nächsten Moment, in dem man zu Wein und einer Liebschaft zu kommen hoffte. Hierin gleichen sie den modernen Sandlern, für die auch der Moment wichtig ist, dieser muss befriedigt werden. Die Zukunft ist ungewiss und daher uninteressant.

Die Dichter dieser Vagantenlieder wussten auf den Straßen zu überleben und dichteten über die Schönheiten eines freien Lebens und überhaupt einer nicht genau definierten Heimat. In der Tradition dieser alten Vagantenlieder ist auch dieses Lied aus der Zeit um 1800 von einem gewissen Friedrich Hückstädt, der offensichtlich Student war, zu begreifen. Es ist mit dem oben zitierten Satz : „Ubi bene, ibi patria“überschrieben.

  1. Überall bin ich zu Hause, überall bin ich bekannt;
    macht das Glück im Norden Pause, ist der Süd mein Vaterland.
    ¦:Lustig hier und lustig da, :¦: ubi bene, ibi patria!:¦

  2. Federleicht ist mein Gepäcke und mein Blut so jung und frisch,
    ob ich in der Hütte decke oder im Palast den Tisch.
    ¦:Hungrig hier und durstig da, :¦: ubi bene, ibi patria!:¦

  3. Alles, was ich eigen habe, trag' ich in der Tasche fort.
    und es muss mir mit zu Grabe, muss mir bleiben hier und dort.
    ¦:Lustig hier und lustig da, :¦: ubi bene, ibi patria!:¦

  4. Eine Pfeiffe wie ein Fässchen, wenig Münze, Rock und Hut
    und ein kleines Stiefelgläschen - seht, das ist mein Hab und Gut.
    ¦:Trinke hier und rauche da, :¦: ubi bene, ibi patria!:¦

  5. Freilich, manches Pumpregister kennt mich, doch das drückt mich nicht;
    denn ein jeglicher Philister borgt mir auf mein froh' Gesicht.
    ¦:Borge hier und borge da, :¦: ubi bene, ibi patria!:¦

  6. Hab' so manche Stadt gesehen. manche Universität;
    wollt' es mir nach Wunsch nicht gehen, hab' ich schnell mich umgedreht.
    ¦:Lerne hier und lerne da, :¦: ubi bene, ibi patria!:¦

  7. Wo man mir aus hellem Stolze weder Ross noch Wagen lieh,
    ritt ich auf dem Ziegenholze, war mir selbst Kavallerie.
    ¦:Gehe hier und reite da, :¦: ubi bene, ibi patria!:¦

  8. Winkt mir hinterm vollen Glase Amors süsses Minnespiel,
    wähl' ich bald die nord'sche nase, bald das griechische Profil.
    ¦:Küsse hier und trinke da, :¦: ubi bene, ibi patria!:¦

  9. Und so komm' ich durch das Leben, bin vergnügt in jedem Land,
    denn wo's Küsse gibt und Reben, bin ich überall bekannt.
    ¦:Lustig hier und lustig da, :¦: ubi bene, ibi patria!:¦


In diesem Lied wird heiter und romantisierend durchaus im Stile moderner Sandler ausgedrückt, dass die Heimat überall dort ist, wo es einem gut geht, man  Vorteile hat und sich wohl fühlt.

 

Vagabundierende Heimatdichter: Franz Stelzhamer - der „Franz von Piesenham“ – und Hoffmann von Fallersleben

Es ist erstaunlich, dass die oberösterreichische Landeshymne von dem, eine lange Zeit seines Lebens herum vagabundierenden Franz Stelzhamer  gedichtet wurde. Stelzhamer, der 1802 in dem oberösterreichischen Dorf Piesenham im Hausruckviertelviertel geboren wurde und 1874 in der Nähe von Salzburg starb, sollte zunächst Rechtswissenschaft studieren, doch er zog es nach einem verbummelten Studium vor, ein unstetes Leben als Schauspieler zu führen.  Schließlich kann er auf das Dichten. Er schrieb einmal sinngemäß: den Ruhestuhl könnt ihr wem ihr wollt geben, doch der Wanderstab bleibt mein Leben. Aber er liebte als Herumzieher auch seine Heimat. Darauf verweist sein berühmt gewordenes Lied „Hoamatland“, es wurde zur oberösterreichischen Hymne. In diesem Lied wird kein konkretes Heimatland angegeben – durchaus im Stil der alten Vagabunden - , sondern eben ein Land beschrieben, in dem man sich wohl fühlt, es einen guten Most gibt und man bleiben sollte.  Es ist bemerkenswert, dass Franz Stelzhamer sich nach seinem Geburtsort auch „Franz von Piesenham“ nannte, er adelte sich also selbst, er stellte sich also als nobler Vagabund den Aristokraten gleich.

Auch Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der Dichter des so genannten „Deutschlandliedes“, adelte sich selbst, in dem er seinen Heimatort seinem Namen anfügte – ganz in der Tradition des alten Adels.

Oben habe ich darauf hingewiesen, dass der Sandler-Ausdruck „die Rippe geben“ betteln bedeutet.  Dabei kam ich auf den bereits erwähnten „Liber Vagatorum“ aus dem beginnenden 16. Jahrhundert. In diesem Buch sind die Sprache und die Tricks der Ganoven in Deutschland festgehalten. Ich fand heraus, dass dieses Buch von Heinrich Hoffmann von Fallersleben, der sich übrigens selbst geadelt hat, nach 1850 wieder veröffentlicht wurde. In dieser Arbeit von Hoffmann fand ich schließlich das Wort „ripar“ für „Geldsäckel“, also „Geldbeutel“ bzw. „Geldtasche“.  Auch andere Wörter bringt Hoffmann von Fallersleben, Wörter, von denen einige heute noch von Wiener Vagabunden verwendet werden.

Hoffmann hatte eine besondere Vorliebe für die Leute am Rande der Welt des guten Bürgers. Das Deutschlandliedes schrieb er 1841 in schwärmerischer Laune und keineswegs in imperialistischen Absicht, die ihm heute bisweilen unterstellt wird, auf der Insel Helgoland. Es ist das Lied eines vagabundierenden Dichters, der frei und ohne Grenzen durch Deutschland wandern will. In der zweiten Strophe dieses Liedes bezieht er sich daher auf Frauen und Wein, an denen er sich erfreut.

Hoffmann von Fallersleben, der 1830 Professor in Breslau wird, beginnt Volkslieder zu sammeln und bekennt sich zum „Jungen Deutschland“.  Er fühlt sich dem fahrenden Dichter Walther von der Vogelweide verbunden und dichtet, so sehe ich es, in dessen Sinn das Deutschlandlied, als ein Lied eines fahrenden Gesellen, der seine Heimat liebt und dem der Wein schmeckt.

Hoffmann, der die die schönen Kinderlieder „Bienchen summ herum!“, „Kuckuck, Kuckuck“, „Alle Vöglein sind schon da“, „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ und „Ein Männlein steht im Walde“ gedichtet hat, schreibt mit Sympathie vom fahrenden Volk, das wohl seine Heimat hat. Diese Heimat liegt jedoch in der Weite der Straßen.

 

Der jüdische Student Julius Mosen (Moses) – der Dichter der Tiroler Landeshymne

Aber auch die Tiroler Landeshymne, in der Andreas Hofer als Held, der für die Freiheit stirbt, besungen, ist von einem Herrn mit vagabundischem Geist geschrieben worden, und zwar von dem jüdischen Studenten Julius Mosen. Er stammt aus einer jüdischen Familie, die zunächst Moses hieß und sich dann auf Mosen umbenannte.

Er war Burschenschafter in Jena und dichtet 1828 das Andreas-Hofer-Lied.

In seinen Liedern geht es ihm um Freiheitskampf und Heimatliebe. In einem anderen Lied bezieht sich Mosen auf den polnischen Freiheitskampf gegen die Russen, wobei es ihm auch um die Heimat der Polen geht. Jedenfalls geht es Mosen in seinen Arbeiten im Wesentlichen um drei Motive: um die Heimatliebe, den Freiheitskampf gegen Gewaltherrschaften aller Art und für eine deutsch-jüdische Symbiose, die später allerdings gestört wird. Und er hat Sympathien für die „kleinen Leute“, die ihre Heimat lieben und für diese sich auch einsetzen. Besonders dürften es ihm die Tiroler angetan haben. Daher schreibt er über die Menschen im Vogtland, aus dem er stammt, sie wären „sächsische Tiroler“ und ebenso „bieder“ wie diese.


2 Die Heimat der Vertriebenen

Im Gegensatz zu Vagabunden, die freiwillig ihre Heimat verlassen haben und in diese meist auch wieder einmal zurückkehren wollen, sind die Vertriebenen in einer geradezu trostlosen Situation.   Die Vertriebenen müssen oder mussten, wie ich in den einführenden Sätzen schon erwähnt habe, ihre alte Heimat verlassen und sich nach einer neuen Heimat umsehen. Ihre Erinnerungen an die alte Heimat sind oft sehr stark, wie noch zu sehen sein wird. Es kann aber auch zu einer Romantisierung und Verherrlichung der neuen Heimat kommen, wenn sie die Vertriebenen mit offenen Armen und mit Großzügigkeit aufnimmt.  Darauf deutet die ungarische Bezeichnung für das Märchenland „Operenzia“ hin. Es ist ein eigenartiges Märchenland, das die Ungarn in ihrer Phantasie geschaffen haben.  Darüber will ich nun erzählen.


Vertriebene aus Ungarn und das Märchenland Operenzia

Ich bin nach dem Krieg aufgewachsen in den oberösterreichischen Bergen in Spital am Pyhrn als Sohn eines Landarztes und einer Landärztin. In diesem Dorf fanden Flüchtlinge aus Jugoslawien und Ungarn Aufnahme. Unter diesen Vertriebenen waren meine ersten Freuden, die hier in den Bergen zumindest für eine Zeit Schutz und also so etwas wie eine Heimat fanden. Einige dieser Menschen blieben im Dorf, wohl die meisten zogen nach einigen Jahren auf der Suche nach einer neuen Heimat weiter nach Deutschland,  England, Kanada und anderen Staaten. Besonders liebe Freunde, heute noch pflege ich Freundschaften aus dieser Zeit,  fand ich unter den Kindern der Flüchtlinge aus Ungarn. Einer dieser heißt Lazi Milotay,  er lebt heute ihn England, ich erhalte ich hier und da einen Brief von ihm, auch ich schreibe ihm. Und manchmal kommt Lazi auf Besuch zu uns in Gebirge. England ist seine ständige Heimat geworden.

Diese Kinder der Ungarn umgab ein eigentümlicher  Zauber. Sie waren nicht irgendwelche Kinder. Sie waren die Söhne  der noblen Wächter des Goldschatzes der ungarischen Nationalbank, der in den letzten Kriegstagen im Mai 1945  nach Spital am Pyhrn in das Gebirge gebracht worden war. Im Stift wurde der Schatz aufbewahrt.  Mit diesem Schatz waren auch ungarische Husaren mit ihren Pferden gekommen. Diese Husaren sollen noch weiter täglich exerziert haben, obwohl der Krieg bereits zu Ende war. Die Amerikaner , die als Besatzer kamen, werden überrascht gewesen sein, als sie die stolzen Ungar noch voll bewaffnet gesehen haben, ehe sie diese zur Übergabe aufgefordert haben. Die meisten der ungarischen Pferde erwarben die Bauern des Dorfes. Diese Pferde, sie waren Militärpferde, sollen bei den täglichen bäuerlichen Arbeiten zwischendurch irgendwelche Kapriolen, die sie für militärische Zwecke gelernt hatten, vollführt haben.

Den Schatz übernahmen später die Amerikaner und brachten ihn nach den USA,  von wo er irgend wann einmal den Ungarn rückerstattet wurde.

Von einem dieser Freunde, Die Ungarn, die damals in Spital am Pyhrn gewesen waren, sprechen heute noch in Hochachtung von den Oberösterreichern, sie seien hier wie Freunde empfangen worden und man hätte ihnen sehr geholfen. Sie hätten sich also hier in Oberösterreich wohl gefühlt.

Jahre später erfuhr ich, dass Oberösterreich für ungarische Flüchtlinge und Auswanderer schon im 18. Jahrhundert eine große Bedeutung hatte.  Darauf verweisen ungarischen Märchen, in denen von einem geheimnisvollen Märchenland  Operenzia erzählt wird. In einem dieser heißt es :

„Und als in der windschiefen Hütte sich kein einziger Kreuzer, kein noch so winziges Stückchen Brot mehr finden ließ, brach der jüngste Sohn des armen Bauern auf, um sein Glück in der weiten Welt auf die Probe zu stellen. Er wanderte sieben Tage und sieben Nächte hindurch, bis er die Zuckerhut-Berge an der Grenze des Landes Operenzia erblickte. Er dankte Gott, faßte Mut und beschleunigte die Schritte seiner müde gewordenen Stiefel.“

Es  ist also der jüngste Sohn, der kleinste und ärmste von allen, der tapfer das Schicksal heraus fordert. Sein Ziel ist das sagenumwobene Land Operenzia. Die Zuckerhut-Berge sind sein Ziel, hier erwartet ihn das Glück. So oder ähnlich müssen sich die ungarischen Flüchtlinge vorgekommen sein, als sie 1945 in unsere Berge kamen.  In den ungarischen Märchen heißt es , dieses Operenzia sei wunderschön, der Waldboden ist mit moosgrünem Samt und Seide bedeckt; die Bäume wachsen buchstäblich zum Himmel, in ihrem kühlen Schatten findet man Pilze, die groß wie ein Bauernhut sind. Und über die Mädchen ist zu lesen:

„Die Mädchen sind allesamt wunderschön: Ihr langes blondes Haar glänzt so betörend wie der über den silbrigen Wiesen schwebende Marienfaden des Altweibersommers; ihre lachenden Augen spiegeln das verträumte Blau der im Schatten verborgenen Veilchen wider; ihre Lippen sind so rot und duftig wie die süßesten Kirchen der ersten Junitage. Sie sind zwar stolz und gebärden sich als unnahbar, haben aber dennoch die erstaunliche Fähigkeit, sich in Kürze eines Stoßgebetes unsterblich in einen Fremden zu verlieben.“

Der sehr sympathische ungarische Schriftsteller Stefan Vajda beschreibt in wunderschönen Worten dieses Operenzia weiter so :“Ein Märchenland, wahrhaftig. Ein einzigartiges, im doppelten Sinne. Weil es tatsächlich existiert. Weil hier die kollektive Phantasie eines vielgeprüften, nach Europa verschlagenen asiatischen Volkes eine topographische Realität zum Fabelreich der Hoffnung, zum verheißungsvollen Zwischenbereich der Sehnsucht erhoben hatte. Es ist eine Landschaft des trostreichen Unwirklichen, und dennoch erreichbar.“

Auch über die Berge  schreibt der Ungar mit Begeisterung :“Man müsse aber in Operenzia teuflisch acht geben, daß die Pferde an den Sternen nicht stolpern oder daß sie keinen Stern vom Himmel lostreten. Hat der ungarische Husar unterwegs Durst, wringt er einfach die nächstbeste Wolke aus, denn die Wolken schwirren einem um den Kopf nur so herum, daß man sie oft mit dem Säbel zerschneiden muß, um den schmalen Pfad zwischen den furchterregenden Felsen aus glitzerndem Glas finden zu können.“

Tollkühne Leute müssen also in Operenzia leben. Aber wo liegt dieses Operenzia?  Dieses Märchenland Operenzia ist nicht allzu schwer zu finden. Es liegt gleich hinter den Zuckerhut-Bergen , deren erster Traunstein heißt: 

„Operenzia“ ist nichts anderes, als die leicht verdrehte ungarische Form von „Ob der Enns“; es ist das frühere Erzherzogtum und Kronland „Österreich ob der Enns“, das heutige Oberösterreich.  

Dieses Oberösterreich , aus dem die Ungarn  das Märchenland der Ungarn Operenzia machten, wurde von Ungarn verherrlicht aber auch für einige von ihnen zum heiß ersehnten Heimatland, nämlich zu einer Heimat vertriebener Ungarn.

 

Gedanken zu den Vertreibungen

Vertreibungen prägen die menschliche Geschichte, bis heute. Menschen werden wegen ihrer Religion, ihrer Volkszugehörigkeit, deren wichtigstes Symbol die gemeinsame Sprache ist, und wegen ihrer angeblichen Gefährlichkeit für ein bestehendes System aus ihrer Heimat vertrieben. Vertriebene bleiben nicht selten ihrer alten Heimat treu - durch ihre Sprache, ihre Lieder und ihre Bräuche.

An zwei Beispielen will ich dies zeigen. Die einen sind die sephardischen Juden, die mit den Mauren 1492 aus Spanien von den „Katholischen Königen“ im Zeichen des heiligen Jakob vertrieben wurden, und auf die Landler, deren Vorfahren wegen ihres evangelischen Glaubens unter Maria Theresia Oberösterreich, die Steiermark und Kärnten verlassen mussten.

 

Die Vertreibung sephardischer Juden – das Problem des Jakobsweges

Mit der Geschichte des Jakobsweges ist eine große Brutalität verbunden, nämlich die Erniedrigung, die Tötung und Vertreibung von  sephardischen (Sepharad – jüdischer Name für Spanien) Juden und Mauren (Näheres dazu siehe Girtler 2005).  Es ist vor diesem Hintergrund unvorstellbar, dass der nach Santiago de Compostela führende Jakobsweg heute eine derartige Attraktivität besitzt. In Santiago wurde das erste Mal in Spanien die Kennzeichnungspflicht der Juden verlangt. Geachtet wurden die Juden grundsätzlich von den Mauren.

Die Mauren und in ihrem Anhang vorher aus Spanien vertriebene Juden  überquerten am 19.Juli 711 die Enge von Gibraltar. Sie waren nach  Thronwirren im Westgotenstaates von Goten gerufen worden. Sie eroberten Spanien bis auf den Nordwesten.  In den nächsten Jahrhunderten entwickelten die Mauren, die in der Bevölkerung durchaus auf Sympathien stieß, eine große Kultur.   Gegen die Mauren wird nun der heilige Jakob, der nie in Spanen war, im 8. Jahrhundert als Heiliger erfunden. Er wird genannt der „matamoros“ der Maurentöter. Mit ihm beginnt der Kampf gegen die Mauren.

Als Granada am 2.1.1492 an Ferdinand und Isabella, den „Katholischen Königen“, vom letzten maurischen König übergeben wurde, halten sie sich nicht an das, was sie dem letzten maurischen König Mohammed XII., genannt Boabdil, in Vorverträgen zugesagt hatten, nämlich die Achtung der zurückgebliebenen Mauren und auch der Juden. Die Mauren, also die Muslime, hatten in Spanien den Schutz über die Juden übernommen.

Die Besiegten ahnten nicht, dass bereits kurz nach der Übergabe von Granada alle Zusagen der Sieger gebrochen werden sollten. Bereits am 31. März 1492 wurde durch die „Katholischen Könige“ ein Edikt erlassen, in dem alle Juden aufgefordert wurden, sich entweder taufen zu lassen oder binnen vier Monaten Spanien zu verlassen. Einige Jahre später wurde auch die Ausübung der islamischen Religion im ehemaligen Königreich Granada grausam unterdrückt. Diejenigen Mauren aus Granada, die sich auf die Zusagen der „Katholischen Könige“ beriefen und daher nicht bereit waren, zum Christentum überzutreten, mussten ebenfalls das Land verlassen.

Von den jüdischen Einwohnern Spaniens ließ sich etwa ein Viertel taufen, die übrigen Juden verließen ihre Heimat. Entweder auf dem Seeweg – aus den Hafenstädten Barcelona, Valencia, Cádiz und Cartagena in Richtung Italien, östliches Mittelmeer und Nordafrika, aus den Häfen von Bilbao und Laredo in Richtung Flandern und England – oder auf dem Landweg. In diesem Fall zogen sie aus den nördlichen Gebieten in das Königreich Navarra und nach Südfrankreich sowie – der größte Teil – aus Westspanien nach Portugal, wo sie gegen Bezahlung eines Geldbetrages zumindest eine Zeit lang bleiben durften. Zahlreiche Juden starben auf dem Weg in die Emigration, wurden überfallen, ausgeraubt, von Schiffskapitänen erpresst und dennoch nicht zum Zielhafen befördert, sondern als Sklaven verkauft.

Bis zur Aufhebung der Inquisition 1834 sollen etwas 5.000 Todesurteile in Spanien gegen Kryptojuden und andere Häretiker gefällt worden sein. Bereits 1485 waren alle Juden aus Andalusien bei Androhung der Todesstrafe vertrieben worden.

Der Geist der spanischen Inquisition war tief in den Menschen verwurzelt, sogar in den gebildeten. Es gab Intellektuelle, die noch im späten 19. Jahrhundert die Inquisition zu rechtfertigen suchten, wie zum Beispiel der Direktor der Madrider Nationalbibliothek Ramón Menéndez y Pelayo, er lebte von 1856 bis 1912.

Dieser gebildete Herr meinte allen Ernstes, dass die spanische Inquisition ein Segen für Spanien gewesen sei und dass die Vertreibung der Juden im Jahre 1492 weder gut noch schlecht gewesen sei, sondern ein „historisches Gesetz“ erfüllt habe.

 

 Die „Statuten der Blutreinheit“

Ein furchtbares Ereignis bestimmte den Weg der sephardischen Juden bis 1492. Da viele Juden zum Christentum konvertierten, also zu Conversos wurden, versuchte man sich auch von diesen zu distanzierten. 1449 erließ der Bürgermeister von Toledo, Pedro Sarmiento die rassistischen „Statuten der Blutreinheit“ (Estatutos de Limpieza), wonach allen Juden und Conversos (!) der Zugang zu öffentlichen Ämtern verwehrt wurde. Diese Statuten bezogen sich zwar zunächst nur auf Toledo, doch bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts sollten sie sich in allen öffentlichen und kirchlichen Institutionen durchsetzen. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts beherrschten sie weiter spanisches Leben und Kultur.

Grundlage für die Festlegung der „Blutreinheit“ in Spanien war das rassistische Machwerk „Fortalitium fidei“ (Glaubensburg) des Franziskaners Alonso de Spina. Darin wird behauptet, dass ein von Juden abstammender Christ, also ein Converso, niemals ein wahrer  Christ werden könne, da seine Bosheit angeboren sei. Außerdem heißt es, die Conversos hätten die „natürliche Neigung“, Christi Blut zu schänden und die Hostie zu entweihen.

Es ist wohl auch bemerkenswert, dass in Spanien erst 1865 die „Statuten der Blutreinheit“ offiziell abgeschafft wurden, die 1451 mit Billigung des Königs von Toledo in Kraft gesetzt wurden. Zuvor war es in Toledo bereits zu einem Progrom gekommen, bei dem unter der Führung eines stadtbekannten Trunkenbolds der Pöbel die Häuser der Juden und der Conversos stürmte, ihre Bewohner niedermetzelte, die Wohnungen plünderte und in Brand setzte. Die getöteten Juden und Neuchristen wurden anschließend auf dem zentralen Platz Toledos, dem Zocodóver, an den Füßen aufgehängt und zur Schau gestellt. In den „Statuten der Blutreinheit“ wird die Schuld an diesem Aufstand einflussreichen Juden und Conversos gegeben, die gewisse Rechte missachtet hätten.

 

Szenen der Vertreibung der Juden

Mit welcher menschlichen Tragik diese Vertreibung von Menschen, die eine große Kultur geschaffen haben, einherging, zeigt folgende Geschichte. In den letzten Julitagen des Jahres 1492 – nach dem königlichen Edikt der Vertreibung der Juden – bewegten sich große Scharen von Juden langsam zum Meer. Der katholische Geistliche Palaccio erzählt, was er sah: „Auf offenem Felde halten sie Rast. Die einen fallen vor Müdigkeit um, die anderen, weil sie krank sind. Manche sterben, andere werden am Straßenrand geboren. Jeder Christ, der diese Elenden sieht, wird von Erbarmen ergriffen. Menschen aus dem Volke mengen sich unter sie und bitten sie, sich der Taufe zu unterwerfen. Aber der Rabbi ist gleich zur Stelle und muntert die Müden und Verzweifelten auf. Bewegen sich die Züge, dann singen die Frauen, und die Kinder schlagen auf die Handtrommel und blasen auf der Trompete. Wie nun einer dieser Züge das Meer erblickt, fangen Männer und Frauen an zu weinen, sie raufen sich die Haare und rufen den Allmächtigen um Gnade und Wunder an. Stundenlang starren sie aufs Wasser."  Auch der Jammer dieser Leute ließ sich mit Hinweis auf den heiligen Jakob rechtfertigen. Nachdem die Juden 1492 vertrieben worden waren, begann um 1500 die Vertreibung der letzten Mauren.

Juden und Muslime sollten bis zur europäischen Aufklärung keine Chance auf Anerkennung und Duldung im christlichen Abendland erhalten. Der heilige Jakob von Compostela war höchst erfolgreich.

Zu den vertriebenen Juden gehörten auch die Vorfahren von Elias Canetti, der 1904 im bulgarischen Rustschuk als Sohn sephardischer Eltern geboren wurde. Seine Muttersprache war Ladino, die alte Sprache der sephardischen Juden.  Heute noch erinnern sich die Nachfahren der sephardische Juden in ihren Liedern der alten Heimat in Spanien.

Mit dem heiligen Jakob als Symbolfigur war man also daran gegangen, die maurische aber auch die sephardische Kultur in Spanien auszurotten. Unglaubliche Brutalitäten spielten sich damals ab. Es ist mir also vollkommen unverständlich, dass heutige fromme Leute diesen Weg zum heiligen Jakob, den Maurentöter, gehen.

Erst der kritische Geist des Humanismus im 15. und 16. Jahrhundert und die Reformation, als man an der Echtheit der Gebeine des heiligen Jakobs im Santiago zu zweifeln begann, sollten zu einem vorläufigen Niedergang der Wallfahrt zum heiligen Jakob führen. Luther soll sogar gemeint haben: „Geht nit dorthin (nach Santiago)“, wohl wissend, dass mit der Figur des heiligen Jakob in Santiago pures politisch-kirchliches Machtstreben verbunden ist.  Es ist übrigens interessant, dass ab 1492, zur selben Zeit, als die Mauren Spanien verlassen mussten, die Pilgerfahrten nach Santiago zurückgingen. Später jedoch und vor allem in den letzten Jahren wird wieder an die alten Formen des Pilgerns nach Santiago angeknüpft. 

 

Die Landler in Rumänien – der „Verrat“ der Auswanderer

Seit ca 16Jahren forsche ich mit Studenten bei den Landlern in Siebenbürgen. Ihre Vorfahren wurden unter der angeblich frommen Maria Theresia aus Österreich nach Siebenbürgen in Rumänien verbannt und vertrieben, weil sie sich als Protestanten geweigert hatten, katholisch zu werden. Es sind drei Dörfer bei Hermannstadt, in denen sie ihre neue Heimat fanden. Die Dörfer heißen: Neppendorf, Grossau und Grosspold.

Die Landler sind mit den bereits lang vor ihnen in Siebenbürgen sesshaft gewordenen Sachsen eine enge Symbiose eingegangen. Sie haben aber dennoch ihre eigene Identität, ihr Selbstverständnis als Landler bewahrt. So sprechen sie weiterhin ihre alte österreichische Sprache.  Das Wort "Landler" leitet sich übrigens   von jenem Gebiet  in Oberösterreich ab, in dem der Bauernkrieg seinen grossen Anfang nahm, nämlich vom sogenannten "Landl", dem Gebiet um Peuerbach und Eferding.

Ihre Nachfahren haben ihre Kultur bis in die heutigen Tage bewahrt. Sie bilden  eine eigene Randkultur , da sie als Protestanten sich kulturell vollständig von der sie umgebenden orthodoxen rumänischen Gesellschaft abheben.

Diese Kultur ist heute am Ausklingen ist, denn die Landler sind wiederum unterwegs nach  Österreich, aus dem sie wegen ihres Glaubens als „Kriminelle“ verbannt worden sind ,und nach Deutschland, das ihnen als ein Land der Hoffnung vorschwebt.

Im Landlerdorf Grosspold halte ich mich mit den Studenten regelmäßig auf. Wir wohnen bei Bauern. Ich habe die Ehre, bei Herrn und Frau Pitter, liebenswürdigen Leuten, wohnen zu dürfen. Mit Frau Pitter, einer braven Bauersfrau, rede ich oft. Sie ist traurig, dass ihre vier Kinder aus Grosspold ausgewandert sind und nun in Deutschland und Österreich wohnen. Und sie versteht nicht, dass alle ihre Freunde ihrer Heimat den Rück gekehrt haben. Sie meinte dazu: "Eigentlich  fühle  ich  mich verraten von denen,  die weggezogen sind.  Wären sie dageblieben, so  hätten  wir eine schöne Gemeinschaft im  Dorf. Viele haben gesagt,  sie bleiben hier,  sie fahren nicht weg.  Aber sie  sind doch  ausgewandert.  Es war wie eine Pest nach 1989,  immer  mehr wanderten aus“.

Frau Pitter hängt an Großpold, sie liebt diesen kleinen Ort,in dem einmal Landlerkinder lärmten,  brave  Landlerbauern  ihrer harten Arbeit am Feld nachgingen und Freude an  der Gemeinschaft  herrschte. Im  Dorf heute hört  man  nur  mehr wenig Landlerisch  und  Sächsich. 

Frau Pitter selbst jedoch denkt noch nicht daran,  ihren Hof in Stich zu lassen  und selbst auszuwandern.  Als ich sie frage,  ob sie  und ihre  Mann Andreas weiterhin in Großpold  bleiben  wollen,  meint sie: "Das weiß  ich nicht.  Wenn es nach mir ginge,  würde ich nur hier zum Friedhof ziehen.  Aber ganz alleine können wir aber auch nicht hier bleiben.  Aber solange noch ein paar Deutsche da sind,

bleiben wir auch da."  Und  sie  kränkt   sich   über   die Ausgewanderten,  von  denen  sie geglaubt hat,  sie  würden  hier bleiben: "Wir  hatten  im Kirchenchor eine  Frau,  die  hat  immer gesagt: ich  fahre nicht weg.  Und als sie einmal auf Besuch  nach Deutschland fuhr,  ist sie nicht wieder gekommen."  Ich fragte sie, ob sie sich verraten sieht.  Sie antwortete lächelnd: "Verraten und verstoßen fühle ich mich.  Einmal hat einer uns aus Deutschland geschrieben,  wir würden hier auf verlorenem Posten  stehen.".  Frau Pitter will sich jedoch mit dieser Situation nicht abfinden,

noch  halten  sie  und Andreas als Bauern die Stellung  und  sind  uns freundliche Gastgeber. Merkwürdig ist, darauf kommen Anneliese und ich im Gespräch, dass viele Landler und  Sachsen,  die  von hier weggezogen  sind,  im  Ausland  sich besonders heimatverbunden fühlen,  sie tun gerade so,  als ob sie aus  ihrer Heimat vertrieben worden wären.  Anneliese meint daher noch:"Es  ist  komisch, dass die  Leute, die  ausgewandert  sind,  beim Oktoberfest  in München in ihrer Siebenbürger  Tracht  auftreten. Die geben dort mit ihrer Kultur an,  obwohl sie diese schon lange aufgeben haben".

Frau  Pitter  sieht die Widersprüchlichkeit  der  Ausgewanderten, von denen sie sich verraten fühlt. Einserseits wollen sie weg und andererseits gibt es ein Zurücksehnen nach ihrer verlorenen Welt.

 

Gedanken zu den Xenoi und Barbaroi

Vagabunden und Vertriebene gab es zu allen Zeiten, sie waren abhängig von der Großzügigkeit und dem weiten Herzen von Menschen fremder Kulturen.  Sie alle kamen als Fremde. Interessant ist, dass die alten Griechen sich sehr genau mit dem Thema der Fremden beschäftigt haben. So kannten sie den „Xenos“. Der „Xenos“ war für die Griechen jener Fremde, der gerne aufgenommen wird, er ist der Gastfreund, den man schätzt. Das erst vor ein paar Jahrzehnten erfundene Wort „Xenophobie“ (phobein heißt fürchten) ist demnach ein Unsinn, denn vor dem Xenos fürchtete sich der Grieche nicht.  Angst hatte man vor dem Barbaros (eigentlich: der Lallende), dem Fremden, der als Eindringlich kommt, entweder kriegsmäßig oder bloß bedrohlich. Der Xenos konnte dagegen sogar Gott Zeus persönlich sein. Schließlich lebte der Xenos im Sinne des alten Spruches der Römer: „Si vivis Romae Romano vivito more“ – „Wenn du in Rom lebst, so lebe nach römischer Sitte“.

 

L i t e r a t u r  u.a.:

Franz Braumann,   Franz Stelzhamer – Leben und Dichtung,  o. J. (um 1973)

R. Girtler, Verbannt und vergessen – Eine untergehende deutschsprachige Kultur in Rumänien, Linz 1992

R. Girtler, Rotwelsch, die alte Sprache der Diebe, Dirnen und Vagabunden, Wien 1998

R. Girtler, Methoden der Feldforschung, Wien (UTB) 1984.

R. Girtler, Randkulturen – Theorien der Unanständigkeit, Wien 2003 (3.Aufl.)

R. Girtler, Julius Mosen (1803-1867) – Jüdischer Burschenschafter in Jena und Dichter des Andreas-Hofer-Liedes, in: Alemannia Studens 10, Regenburg 2000

R. Girtler, Irrweg Jakobsweg – die Narbe in den Seelen von Muslimen, Juden und Ketzern, Graz 2005

Hoffmann von Fallersleben, Liber Vagatorum, in: Weimarisches Jahrbuch, Hannover 1856

Langosch, Vagantendichtung,  Leipzig 1984.